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Sonnenstrahlen für Karin

 

„Meine Lieben, ich brauche euch!“, rief der kleine Sonnenstrahl laut. Nichts tat sich am Himmel, niemand hatte ihn gehört, oder hatten sie ihn alle überhört?
„Hey, ihr Faulpelze, wacht auf! Wir werden gebraucht!“, rief er noch einmal.
Endlich regte sich etwas.
„Wer macht denn hier so einen Krach? Wir wollen schlafen!“
Der kleine Sonnenstrahl schüttelte ärgerlich den Kopf. Gab es denn sowas? Den lieben langen Tag schliefen die Strahlen und dabei wurden sie so dringend gebraucht.
„Ich bitte euch von Herzen, wacht auf und hört mir zu!“, rief er und stupste seinen Nachbarn an. „Hey Dicker, du auch, du besonders!“
Der Dicke knurrte unwillig. Gerade hatte er so schön geträumt, da kam dieser Jungspund und weckte ihn auf, das durfte doch nicht wahr sein.
„Was willst du denn eigentlich von uns? Unsere Zeit ist noch nicht gekommen. Es ist Winter und alle Tiere sind noch im Winterschlaf und auch die Blumen und Bäume schlafen. Dann dürfen wir das ja wohl auch, oder?“
Der kleine Sonnenstrahl wollte aber nicht aufgeben. Gerade eben hatte er ein winziges Loch in eine der dicken Wolken geknibbelt und hindurch geschaut und was er da unten sah, das berührte sein Herz.
„Da unten liegt ein Menschenkind im Krankenhaus. Es geht ihm nicht gut, aber tapfer kämpft es sich durch die Therapien. Es braucht all seine Kraft, um gesund zu werden. Wollen wir ihm nicht ein wenig helfen? Sonne tut so gut – und Farbe, ja Farbe auch, Frühlingsfarbe!“
Der Dicke horchte auf. Es war ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden und er wollte helfen, auf jeden Fall wollte er das. Deshalb weckte er mit dem Kleinen zusammen alle Sonnenstrahlen auf, die er erwischen konnte.
„Aufstehen, scheinen, wärmen, Bäume kitzeln und Blumenzwiebeln aufwecken. Wir werden gebraucht!“, rief er laut immer und immer wieder.

 
Währenddessen lag Karin in ihrem Bett und schaute aus dem Fenster. „Ich wünsche mir Frühling und bunte Frühlingsfarben!“, dachte sie. Da entdeckte sie den kleinen Sonnenstrahl, der aus dem Wolkenloch schaute. „Hilf mir, kleiner Sonnenstrahl!“, flüsterte sie und beobachtete sehnsüchtig das Treiben der Winterwolken.
Es dauerte gar nicht lange, da schaute ein weiterer Sonnenstrahl durch das Wolkenloch und dann noch einer und noch einer und plötzlich wich das Grau des Himmels und die Strahlen tauchten die Welt in ein warmes, helles Licht.
„Ach, wie schön ist das!“, rief Karin glücklich. „Wenn die Sonne mich wärmt, dann wird sie auch die Natur aufwecken und schon bald werden Blumen und Bäume blühen und dann kann ich ganz gesund werden!“
Die Sonnenstrahlen hatten das gehört und sie gaben sich besonders viel Mühe, für Karin zu strahlen.
„Du schaffst das, Menschenkind!“, rief der kleine Sonnenstrahl und malte ein dickes Sonnenherz an den Himmel.
Und alle, die auf der Erde auf Karin aufpassten, sahen es auch und das war doch ein gutes Zeichen, nicht wahr?

 
© Regina Meier zu Verl

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