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In der Hetze des Tages
Sommergeschichte für Senioren zum Vorlesen

Mit krumm gebeugtem Rücken und zwei gefüllten Einkaufstaschen schleppte sich die alte Dame in der Hitze des Sommertages über die Straße. Bremsen quietschten, Hupen dröhnten, einer schimpfte: „Hau ab, alte Schachtel! Ich hab’s eilig.“
Die Frau blieb stehen, mitten auf der Straße. Sie sagte nichts, doch in ihren Augen war so etwas wie ein mildes Verstehen zu erkennen.
„Sie sollten sich alle mehr Zeit nehmen!“, murmelte sie schließlich. „Das Leben ist zu kurz, um an ihm vorbei zu rasen und die wichtigen Dinge, auf die es ankommt, nicht wahrzunehmen.“
Sie nickte und setzte sich wieder in Bewegung. Noch langsamer, hinfälliger. Ein bisschen hinkte sie nun auch. Schwer hingen ihre Taschen über dem Boden, wenige Zentimeter nur, fast konnte man meinen, sie schleiften über den Asphalt.
Die Menschen in ihren hitzegeschwängerten Wägen fluchten. Das Leben rief und es war anstrengend, fordernd, aber was wussten die Alten davon schon? Nichts.
Nun hatte die Frau das gegenüberliegende Trottoir erreicht, wo sie zum Verschnaufen innehielt und ihre Taschen absetzte. Endlich. Der Fluss des Lebens konnte weiter gehen. Schwer lagen Füße auf Gaspedalen, als sich die Kolonne der wartenden Autos wieder in Bewegung setzte. Die Blicke der Autofahrer waren genervt, grimmig auch. Sie hatten drei – nein vier oder waren es sogar fünf? – Minuten ihres Tages verloren und mussten nun ihrem Zeitplan hinterher hinken.
Time management, wie es heutzutage hieß. Zeitfenster. Planungshorizonte. Time is money. Aber davon hatte die Alte ja keine Ahnung. Und grinste sie ihnen nun nicht auch noch zu, listig fast? Zum Teufel mit ihr.
Und weg waren sie.
Die alte Dame lächelte, strich sich eine Haarsträhne, die sich aus dem locker gebundenen Knoten gelöst hatte, aus der Stirn und atmete tief durch.
„So eilig hatte ich es auch einmal gehabt“, erklärte sie einer jüngeren Frau, die in ihr Smartphone stierte. „Es hatte mir wenig gebracht. Verstehen Sie?“
Die nickte. „Es ist halt alles ganz schön stressig“, murmelte sie und senkte ihren Blick noch tiefer auf den kleinen Bildschirm.
„Ja, das ist es wohl.“ Die alte Dame griff wieder nach ihren Taschen und zog weiter, dem Park zu, und es schien, als beschleunigten sich ihre Schritte immer mehr. Leichter war ihr Gang nun, aufrechter, beweglicher. Am Ende rannte sie fast. Erst am Spielplatz machte sie halt. Sie ließ die Taschen in den Sand plumpsen und setzte sich mit Schwung auf die Schaukel. Dann begann sie, sanft hin und her zu schwingen. Sie schaukelte, schaukelte, schaukelte, blickte in den Himmel und … sang. Ihre helle, fröhliche Stimme ähnelte der Stimme eines Kindes und das milde Verstehen sang ihr Jubeln in den Tag hinaus. Und der Tag, so schien es, begleitete sie in seinem ureigenen Rhythmus. Vielleicht schaukelte er ein bisschen auch mit?

© Elke Bräunling

Parkstille, Bildquelle ©Pexels/pixabay