Schlagwörter

, , ,

Welche Farbe hat die Freude?

Tina starrt auf die blütenweiße Leinwand. Auf dem Tisch neben ihr, sind verschiedene Farbtöpfchen aufgereiht. Pinsel in allen Stärken stehen in einem Marmeladenglas, daneben zwei weitere Gläser mit klarem Wasser gefüllt.
„Ich kann das nicht!“, denkt Tina und schaut verstohlen zu ihrer Nachbarin zur Linken, die schon munter mit dem Malen begonnen hat. Auch auf der rechten Seite huscht der Pinsel über die Leinwand, als sei das alles ganz einfach. Ist es aber nicht.
Wieder überlegt sie. Was soll sie eigentlich in diesem Malkurs? Ist sie hier nicht fehl am Platz? Sie kann doch gar nicht malen.
„Aber Freude“, murmelt sie. „Freude will ich haben. Malen soll fröhlich machen. Und zufrieden. Ich brauche Fröhlichkeit und Zufriedenheit.“
„Wie bitte?“, fragt ihre Nachbarin.
„Ach, nichts.“ Tina taucht den Pinsel ins Wasserglas und dann in die kupferrote Farbe. Sie malt einen dicken, runden Klecks auf die Leinwand.
„Der ist schön!“, sagt Johanna, die Kursleiterin, die gerade Tinas Platz erreicht hat, während sie hin und her wandert.
„Wer ist schön?“, fragt Tina.
„Na, der Kürbis – es ist doch ein Kürbis, oder?“, fragt Johanna.
„Ein Kürbis?“ Erschrocken starrt Tina auf den roten Kleks, der ein Kürbis sein soll. Will man sich lustig über sie machen? Oh nein, das kann sie zurzeit gar nicht ertragen. Schnell wäscht sie den Pinsel aus und greift zu einer neuen Farbe. Blau. Türkisblau wie ein Bergsee an einem Sommertag.
So richtig traut sie sich noch nicht, die Farbe auf die Leinwand zu bringen. Zaghaft setzt sie den Pinsel an, malt ein paar Tupfer und taucht den Pinsel erneut in das Wasser.
Man kann auch abstrakt malen, überlegt sie stumm. Viele Künstler tun das. Große Künstler. Und ja, warum soll sie es mit dieser Technik nicht ebenfalls versuchen.
„Ich suche die Fröhlichkeit“, sagt sie zu Johanna, die noch immer hinter ihr steht.
Johanna überlegt, legt den Kopf schief und lächelt.
„Ich ahne sie schon, die Fröhlichkeit, wie wäre es mit etwas Gelb?“
„Gelb?“ Tina spürt die Verwunderung, die in ihr wächst. „Nur gelb? Sollte die Fröhlichkeit nicht alle Farben haben. Alle Farben dieser Welt?“
„Nun ja, ich meinte das so: du hast das Rot des Abendrots gemalt, das Blau eines strahlenden Sommerhimmels, fehlt noch das Gelb der Sonne. Das war mein Gedanke, natürlich darfst du alle Farben dieser Welt in deinem Bild zeigen, ganz wie du willst!“
Tina kommen die Bilder in den Sinn, die sie als Kind gemalt hatte. Himmel, Sonne, Haus und Baum. Bilder, die alle Kinder aufs Papier bringen. Die Worte ihres Vaters fallen ihr ein, Worte wie Ohrfeigen:
„Schade! Mein Maltalent hast du nicht geerbt. Du kannst nicht malen. Sehr schade ist das.“
„Ich kann nicht malen!“, sagt sie nun laut.
„Wer sagt das?“, will Johanna wissen. Doch das möchte Tina ihr nicht erzählen. Entschlossen taucht sie den Pinsel in die schwarze Farbe und übermalt die blauen Tupfen und den roten Ball, hin und her und kreuz und quer. Sie malt so lange, bis die Leinwand fast schwarz ist und nur noch hier und da ein wenig Rot und Blau hervorlugt. Dann wäscht sie die Pinsel aus, schließt den Farbkasten und sagt: „So! Fertig!“ Sie lächelt. „Ich glaube“, sagt sie zum Abschied, „ich bin für einen Malkurs nicht geschaffen.“
Sie verlässt die Malschule, tritt auf die Straße, geht zum nahe gelegenen Park und setzt sich dort auf eine Bank am See. Ein bisschen zur Ruhe kommen möchte sie und den Farben auf Leinwand „Adieu“ zu sagen. Sie blickt in das satte Grün der Bäume, das Blau des Himmels, das Gelb der Sonnenblumen, das Lila der Astern, das Rot des Mohns … und greift, ohne viel nachzudenken, nach ihrem Skizzenblock. ‚Und ob ich malen kann!‘, denkt sie und lächelt zufrieden.

© Regina Meier zu Verl

IMG_20200607_141515

Zeichnung Regina Meier zu Verl