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Glück und all das andere
Geschichte für Senioren zum Vorlesen

„Mit dem Glück stehe ich auf Kriegsfuß“, sagte die alte Frau Fortmann. „Am glücklichsten fühle ich mich, wenn mir niemand Glück wünscht.“
Sie sagte es laut. Ihre Worte klangen unfreundlich, ruppig fast. Das war man von ihr nicht gewohnt. Diese nette alte Dame kannte man sonst nur als eine leise, zurückhaltende und sehr umgängliche Person.
Herr Pflüger, ihr Tischnachbar im Parkcafé, schüttelte den Kopf.
„Was haben Sie nur heute?“, fragte er. „Es tut nicht gut, das Glück abzulehnen. Und höflich ist es auch nicht. Ich wollte Ihnen nur ein frohes und glückliches neues Jahr wünschen und …“
„Was wissen Sie denn schon?“, unterbrach Frau Fortmann ihn. „Das Glück sucht sich seine Wege selbst. Es pfeift auf gute Wünsche.“
„Auch nicht zum neuen Jahr?“ Herr Krüger sah die Parkfreundin ratlos, fast ein bisschen verlegen an. „Es ist doch bloß eine freundlich gemeinte Geste, einander alles Gute zum Jahresbeginn zu wünschen. Meinen Sie nicht?“
„Nein. Das meine ich nicht.“ Elise Fortmann schüttelte mit einer heftigen Geste den Kopf. „Es ist nur ein oberflächliches Geplapper, das unbedacht das Glück missbraucht. Seien Sie ehrlich: Sie denken sich doch auch nichts weiter, wenn Sie ihre Glückwünschen unter den Leuten verteilen, oder? Und ich … ach, was! Lassen wir das Glück aus dem Spiel!“ Sie erhob sich, band ihren Schal um und warf sich den Wintermantel über die Schultern. „Ich muss jetzt weiter. Einen schönen Tag noch.“
Und ehe Herr sich Pflüger sich versah, war sie aufgestanden, hatte sich den Schal umgeworfen und den Mantel über die Schultern gelegt und das Café verlassen. Es sah aus wie eine Flucht.
„D-das ist mir ja noch nie passiert“, stammelte Herr Pflüger. „Ich wollte doch nur nett sein und … Außerdem waren wir heute doch verabredet haben und wollten hinterher noch … Nein! So geht das nicht.“
Und er beschloss, die Sache so nicht auf sich beruhen zu lassen. Er warf einen Geldschein für Kaffee und Cognac auf den Tisch, schnappte sich seinen Mantel und eilte der Parkfreundin hinterher. Vielleicht fühlte die sich unwohl und brauchte seine Hilfe?
Er musste nicht weit gehen. Da vorne am Seeufer sah er sie, den Kopf gesenkt. Sie hatte den Mantel trotz der frostigen Temperaturen noch immer nicht angezogen und ihr Körper erbebte. Weinte sie?
„‚Viel Glück, mein Liebling!‘, hatte er damals am Neujahrtag gesagt“, murmelte sie unter Schluchzern. „’Das neue Jahr soll das glücklichste unseres Lebens sein und das ist erst der Anfang. Warte hier! Wir sind bald wieder da.‘ Und ich habe ihm und meinen beiden kleinen Söhnen tausend Luftküsse hinterher gesandt und zugesehen, wie die Rücklichter seines Wagens immer kleiner wurden. …. Ich habe sie nicht mehr lebend wiedergesehen. Ich …“
Sie stockte und Herr Pflüger tat genau das, was er schon lange tun wollte: Er nahm sie in die Arme und hielt sie fest.

© Elke Bräunling

Vom Glück und anderem, Bildquelle © mskathrynne/pixabay