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Silver, der kleine Engel

Es war ein paar Tage vor Weihnachten. Der kleine Engel Silver trottete traurig durch den verschneiten Winterwald. Eiskalte Füße hatte er, daran konnten auch seine heißen Tränen nichts ändern. Er hätte fliegen können, doch dazu fehlte ihm die Kraft.
Es war Nacht. Glücklicherweise schien aber der Vollmond hell auf den glitzernden Schnee. So schön sah das aus, doch Silver nahm es nicht wahr.
„Nun sag mal“, sagte der kleine Fuchs, der plötzlich mitten auf dem Weg stand. „Was ist denn nur mit dir los? Du weinst ja zum Herzerbarmen!“
„Stimmt“, schluchzte der Engel. „Es ist aber auch alles so furchtbar traurig!“
„Kann ich dir helfen?“, fragte der Fuchs.
„Mir kann niemand helfen!“, heulte Silver und schon wieder tropfen dicke Tränen in den Schnee.
„Lass es mich doch versuchen“, schlug der Fuchs vor. Er setzte sich vor die Füße des kleinen Engels und schlug seinen buschigen Schwanz um seine Vorderpfoten. Sehr anmutig sah das aus. Silver, der noch nie einen Fuchs aus der Nähe gesehen hatte, war beeindruckt von dessen Eleganz.
„Wie schön du bist!“, rief er bewundernd aus und das meinte er auch ganz ehrlich.
Der Fuchs lächelte, das Kompliment freute ihn.
„So schöne Worte für mich von einem so schillernden Wesen wie dir“, schmeichelte er. „Dabei bist du viel schöner als ich. Dein silbernes Engelshaar leuchtet im Dunklen. Jeder Stern müsste vor Neid blass werden.“
Silver überlegte einen Moment. Sollte der Fuchs etwa recht haben? Doch mit dem winzigen Hoffnungsfünkchen stellten sich schon im nächsten Augenblick heftige Zweifel ein.
„Das mag sein, aber alles an mir ist falsch. Alle anderen Engel sind von goldener Farbe, ihr Haar, ihre Gewänder, ihr Sternenschmuck im Haar. An mir ist alles Silber. Das ist nicht richtig und deshalb bin ich so unglücklich!“
„Tja“, sagte der Fuchs. „Du musst lernen, dich selbst zu lieben. So mache ich das auch und deshalb bin ich ein glücklicher Fuchs.“
„Ich werde es versuchen“, versprach der kleine Engel halbherzig.
„Gut“, sagte der Fuchs. „Denk immer an meine Worte! Mach‘s gut, kleiner Engel!“
Der Fuchs erhob sich und ging seines Weges. Erst jetzt bemerkte Silver, dass der hübsche Fuchs das linke Hinterbein schwerfällig hinter sich herzog.
Lange schaute er ihm nach und er schämte sich. Er jammerte und jammerte, nur wegen seiner Farbe und der Fuchs, der offensichtlich ein schweres Schicksal zu tragen hatte, strahlte Zuversichtlichkeit und Glück aus.
„Warte, Fuchs!“, rief Silver laut. „Lass mich ein Stück mit dir gehen!“
Doch der Fuchs drehte sich nicht um und er wartete auch nicht auf den kleinen Engel. Also ging Silver allein weiter. Er hatte aufgehört zu weinen. Auch die Last auf seinen Schultern schien ihm plötzlich nicht mehr so schwer zu sein. Vorsichtig hof er seine Flügel an und hob sich in die Luft.
„Ich kann es wieder“, jubelte er. „Ich bin gut, so wie ich bin. Das werde ich von nun an beherzigen und dann wird sich erfüllen, was mir mein Freund Gabriel prophezeit hat, der gesagt hatte: „Kleiner Engel Silver, Engel werden mit ihrem Namen geboren und wie dein Name, ist auch alles weitere an dir silbern. Das ist kein Zufall, sondern Bestimmung. Eines Tages wirst du wissen, was das zu bedeuten hat.“

Was es damit auf sich hatte, das werden wir auch schon bald erfahren, denn das ist schon wieder eine neue Geschichte von Silver, dem kleinen silbernen Engel.


Silver, der kleine Engel (Teil 2)

Hoch am Himmel flog Silver, der kleine Engel. Nach langer Zeit der Traurigkeit fühlte er sich heute richtig wohl, nachdem ihm die Begegnung mit dem Fuchs die Augen geöffnet hatte. Er schaute hinab auf die kleine Stadt unter ihm, die weihnachtlich beleuchtet war, denn es waren nur noch ein paar Tage bis zum Weihnachtsfest. Überall in den Gärten standen beleuchtete Tannenbäume und in den Fenstern strahlte heller, warmer Kerzenschein.
Silver ließ sich ein wenig mehr nach unten gleiten, weil ihm so gefiel, was er da sah. Plötzlich hörte er seinen Namen.
„Silver“, rief eine leise Stimme. „Flieg hinab zur Erde, du wirst gebraucht!“
„Aber wohin soll ich fliegen?“, fragte Silver aufgeregt. Er spürte, dass sich Gabriels Vorhersage nun bald erfüllen würde.
„Lass dich einfach fallen, dann wirst du schon wissen, was zu tun ist“, sagte die Stimme.
Silver tat, wie ihm geheißen. Langsam sank er immer tiefer und tiefer hinab und plumpste plötzlich in den weichen Schnee direkt am Rand des Marktplatzes.
War das ein Trubel, viele Menschen gab es hier, Buden mit Süßigkeiten, sogar ein Kinderkarussell. ‚Das muss ein Weihnachtsmarkt sein!‘, dachte Silver und schaute sich neugierig um.
Mitten auf dem Platz tanzten Kinder auf einer Eisfläche einen Schlittschuhtanz. Wie lustig das aussah, gern hätte Silver ein wenig mit den Kindern herumgetollt, aber er hatte auch ein wenig Angst davon, was passieren würde, wenn man ihn entdeckte.
Ein kleines Mädchen saß am Rand der Eisbahn. Es weinte. Niemand kümmerte sich um die Kleine.
Sofort spürte Silver, dass er eingreifen musste. Wo waren denn nur die Eltern des Mädchens und warum bemerkte niemand, dass es weinte?
Sanft nahm er die Hand des Mädchens und sprach es an.
„Warum weinst du? Hast du dir weh getan?“, fragte er leise.
„Nein, aber ich bin ganz allein!“, stammelte die Kleine.
Das war nicht gut, gar nicht gut. Er flüsterte dem Mädchen etwas ins Ohr, hob sich in die Luft und versuchte, die Eltern des Kindes ausfindig zu machen. Er würde sie schon erkennen, ganz bestimmt.
Er entdeckte eine Frau, die sich suchend umschaute. Silver landete neben ihr und sprach sie an, doch die Frau hörte ihn nicht. Er zupfte an ihrem Mantel. Die Frau reagierte nicht.
„Silvia!“, rief sie laut. „Wo bist du denn nur?“
„Aha!“ rief Silver. „Dann bin ich wohl Silvias Schutzengel!“ Er nahm die Hand der Frau und zog sie über den Marktplatz in Richtung Eisbahn. Die Frau folgte ihm und rief immer wieder Silvias Namen und endlich sah sie ihre Tochter, die ihr aufgeregt zuwinkte.
„Mama!“, rief sie. „Ich war hier ganz allein und wusste nicht wo du bist!“
Die Frau schloss das Kind in ihre Arme.
„Ich habe so geweint, doch dann kam dieser Engel und da wusste ich, dass alles wieder gut wird!“, sagte Silvia.
„Engel?“, fragte die Frau. „Welcher Engel denn, fantasierst du wieder?“ Sie fühlte die Stirn ihrer Tochter. „Fieber hast du aber nicht!“
„Der Engel, der da neben dir steht, du hattest ihn an der Hand, als du mich gefunden hast!“, erklärte Silvia.
Die Mutter lachte. „Engel, die gibt es nur im Märchen!“, sagte sie. „Aber jetzt ist ja alles wieder gut!“
Silver lächelte. Das Kind hatte ihn gesehen, die Mutter nicht. Das war wohl das Zeichen dafür, dass er, Silver, wirklich der Schutzengel der Kleinen war.
„Silvia und Silver!“, flüsterte er und hauchte dem Mädchen einen zarten Kuss auf die Wange.
„Ja, wir beide!“, flüsterte das Kind. „Bleibst du jetzt bei mir?“
„Ja, immer!“, versprach Silver.
„Mit wem redest du?“, fragte die Mutter verwundert.
„Das ist mein Geheimnis“, antwortete Silvia und sie hat niemandem verraten, dass von da an der Engel Silver stets an ihrer Seite war.
Ja, so war das!

© Regina Meier zu Verl