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Advent in der Siedlung
Adventsgeschichte für Senioren zum Vorlesen

„Wann hängt ihr endlich bunte Lichter in die Tanne in eurem Vorgarten?“
Ein kleiner Junge stand vor Opa Kurz und sah ihn mit fragendem Blick an.
Opa Kurz, der erst vor kurzem mit seiner Familie in das neue Haus in der Entebachsiedlung gezogen war, musste erst einmal überlegen.
„Lichter? Bunte?“, rätselte er.  „Was meinst du?“
„Na, Weihnachtslichter!“, half ihm der Junge auf die Sprünge. „Bald ist Advent und alle schmücken ihre Häuser.“
„Advent?“ Opa Kurz erschrak. Er hasste künstliche Lichterketten an Bäumen. Überhaupt mochte er all den Weihnachtsflimmerkram, den andere Leute ‚Schmuck‘ nannten, nicht leiden. Das passte nicht, fand er. Nicht zu Weihnachten. Ob diese laute Art, auf das stille Fest aufmerksam zu machen, hier an ihrem neuen Wohnort in dieser sympathischen Siedlung Sitte war? Hoffentlich nicht, betete er im Stillen, und laut fragte er:
„Schmücken? Äh, was schmückt man denn hier so?“
„Alles und das sieht ganz arg toll aus.“ Die Augen des kleinen Jungen strahlten. „Die Fenster und die Dächer und im Garten die Bäume und Zäune, ach, alles. Hab ich ja schon gesagt.“
„Alles! Aha!“ Opa Kurz atmete tief durch. Alles? Das war viel. Viel zu viel. Erwartete man diesen Overflow etwa nun auch von ihm? „Was denn so?“, hakte er nach.
„Lichter und Weihnachtskugeln und Weihnachtsmänner und Rentiere. Bei Onkel Rainer steht sogar ein Christkind mit bunten Lichtern, die immer an- und ausgehen, auf dem Garagendach und …“
Opa Kurz stellte sich dieses bunte Christkind vor und er erschrak noch mehr. Er merkte, wie ihm die Worte fehlten.
„Oh!“, stammelte er nur. „Oh! Oh!“ Nichts weiter. Er musste sich erst sammeln. Was konnte er darauf antworten, ohne den kleinen Jungen, der vor lauter Vorfreude auf die kommenden Attraktionen ganz rote Backen bekommen hatte, nicht zu enttäuschen?
„Musik?“, fragte er ihn schließlich. „Gibt es dazu auch Musik?“
„Musik?“, rief der Junge. „Nein. Die hat noch keiner. Aber schön wäre das, nicht wahr?“
„Ja. Wunderschön“, sagte Opa Kurz, der insgeheim ‚Gottseidank‘ dachte.
„Machst du für uns Musik?“, fragte der Junge da und seine Augen bettelten nun. „Mit deinem großen Klavier?“
„Auf dem Flügel?“ Opa Kurz dachte an seinen geliebten Flügel, den die Umzugsleute nur mit Mühe in dem Zimmer, das eigentlich als Esszimmer gedacht war, unterbringen konnten. Fast alle Siedlungsbewohner hatten das Spektakel miterlebt. Fast musste er nun schmunzeln, wenn er daran dachte.
„Warum eigentlich nicht?“, rutschte es da auch schon aus ihm heraus. „Musik gehört zum Advent.“
Dass diese Idee eine gute war, hörte er dann gleich in dem Jubel des kleinen Jungen.
Und so kam es, dass sich im Advent jeden Tag um achtzehn Uhr das Fenster des Esszimmers, das nun ein Musikzimmer war, öffnete und für eine Viertelstunde wunderschöne Adventsmusik durch die Siedlung hallte. Und auf dem Fensterbrett stand eine Kerze, deren Licht leise flackerte. Eine echte. Bunte Lichter, Rentiere, Weihnachtsmänner und Christkindels aber gab es bei Opa Kurz auch jetzt  nicht, und die vermisste hier auch keiner.

© Elke Bräunling

Adventsschmuck, Bildquelle © suju/pixabay

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