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Tim zieht aus

An einem sonnigen Tag machte sich Tim auf den Weg zu seiner Großmutter. Er packte den Schlafanzug in seinen Rucksack, die Zahnbürste, seine Lieblingssocken und seinen Teddybär Tom. Als er sein Fahrrad aus der Garage holte, warf er einen verstohlenen Blick zum Küchenfenster. Dort stand aber niemand, Mama und Papa hatten also nichts bemerkt. Sicher saßen sie im Wintergarten und lasen die Tageszeitung. Dabei wollten sie ihre Ruhe haben. Immer wollten sie ihre Ruhe haben.
Er setzte seinen Fahrradhelm auf und radelte los. Als er an der Stelle angekommen war, die man vom Wintergarten aus gut sehen konnte, gab er seinen Eltern noch eine Chance. Für einen kurzen Moment blieb er stehen und hoffte insgeheim, dass er gesehen wurde und Mama oder Papa herauskämen, um ihn zurückzuhalten.
Drei Mal sagte er das komplette Alphabet auf, aber es tat sich nichts im Wintergarten. Also blieb ihm keine Wahl, er fuhr weiter.
Den Weg zu Oma kannte er gut. Schon oft war er mit Mama oder Papa diese Strecke gefahren. Es konnte also gar nichts passieren. Trotzdem war Tim etwas mulmig zumute. So ganz allein hatte er es noch nie gewagt, Oma zu besuchen. Diesmal war es sowieso anders, denn es war ja gar kein Besuch. Er wollte zu Oma ziehen, ganz und gar. Die hatte nämlich Zeit, jede Menge.
Doch Tim hatte Pech. Oma war nicht zu Hause. Er klingelte, rief, ging ums Haus herum, klopfte an die Wohnzimmerfensterscheibe. Nichts!
Also setzte er seinen Helm wieder auf und radelte zurück nach Hause. Er war den Tränen nah. Tim stellte sein Fahrrad wieder in die Garage, hängte den Helm an den Lenker und dann fiel ihm ein, dass er ja keinen Schlüssel hatte. Dabei hatte er sich vorgestellt, ungesehen ins Haus zu kommen. Seine Eltern sollten nicht merken, dass er eigentlich ausziehen wollte. So ein Mist!
Kleinlaut drückte er auf den Klingelknopf und erwartete ein Donnerwetter. Mama würde sicher sehr traurig sein, wenn sie erfuhr, dass er ausziehen wollte, Papa auch! Und wenn Erwachsene traurig sind, dann zeigen sie das manchmal nicht. Sie können das schlecht zugeben, schließlich sind sie ja schon groß und da meistert man seine Probleme. Wenn das nicht gelingt, dann schiebt man sie auf andere. So nahm Tim es wahr, denn immer, wenn Mama traurig war, weil Mia, Tims kleine Schwester, wieder einmal eine Riesensauerei beim Essen gemacht hatte, dann schimpfte Mama mit Tim. „Du hättest besser aufpassen müssen!“, sagte sie dann. Oder: „Ich bin so enttäuscht von dir!“ Das war ungerecht!
Die Haustür wurde von Papa geöffnet. Erstaunt sah er Tim an, der vor lauter schlechtem Gewissen noch kleiner schien, als er eigentlich war. Papa überlegte einen Moment, sein Gesicht war sehr ernst. Dann sagte er:
„Mein Großer, da bist du ja wieder. Komm schnell rein, Mama hat Waffeln gebacken!“
Tim war so erleichtert, ein dicker Stein plumpste von seinem Herzen. Fast hätte man ihn poltern hören können. Durch das Haus zog der herrliche Geruch frischer Waffeln. Mama kam aus der Küche, sie hatte Mia auf dem Arm, die laut jubelte, als sie ihren Bruder entdeckte.
„Timmy!“, sagte Mama, sonst nichts. Kein Schimpfen, kein Donnerwetter. Alles war gut.
Die Waffeln schmeckten köstlich und als Mia ihr Hochstühlchen mit Sahne und Kirschen beschmierte sagte Mama: „Mia, schau, wie Tim seine Waffeln isst und nimm dir ein Beispiel an ihm!“
Na bitte, das hörte sich doch gut an. Seine Fahrt zu Oma hatte also doch etwas bewirkt. Trotzdem würde er das nicht noch einmal machen und wenn doch, dann würde er Oma vorher anrufen!

© Regina Meier zu Verl

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