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Marias Lieblingsbluse

Maria betrachtete die Bluse mit kritischem Blick. Es war einmal ihre Lieblingsbluse gewesen, so lange war das schon her. Maria rechnete nach. Ihr Ältester war nun fast fünfzig Jahre alt. Vor der Schwangerschaft hatte sie die Bluse getragen und irgendwie hatte sie es nicht übers Herz gebracht, sie in die Altkleider-Sammlung zu geben. Gepasst hatte sie danach nicht mehr, doch die Hoffnung stirbt zuletzt und so wanderte sie immer wieder in den Schrank zu den anderen Kleidungsstücken, die ebenfalls viel zu eng waren.
Es fiel Maria schwer, sich von etwas Liebgewordenem zu trennen. Das fing bei den Kleidern an, erstreckte sich über Geschirr, alte Gläser aus Omas Bestand, Bücher, Schulhefte, Stifte, die kaum noch zu greifen waren und für deren Benutzung man eine hölzerne Stiftverlängerung benötigte.
Heute aber war Maria fest entschlossen Platz zu schaffen. Es war nicht ihre Entscheidung. die hatte man ihr abgenommen. Besser gesagt: Udo hatte sie ihr abgenommen.
„Das geht so nicht weiter, Mutter!“, hatte er gesagt. „Du solltest nicht mehr allein hier leben. Wir werden dir zwei Zimmer in unserem Haus einrichten und dann kommst du zu uns!“
Seine Stimme klang so, als ließe sie keinen Widerspruch zu und Maria hatte sich gefügt. Vielleicht wäre es ja sogar schön, bei Udo und seiner Familie zu leben. Vielleicht!
Maria setzte sich auf die Bettkante. Plötzlich fühlte sie sich elend. Die Angst kroch in ihr hoch. Sollte sie wirklich ihr selbstbestimmtes Leben aufgeben? Was würde sein, wenn ein Zusammenleben mit der Schwiegertochter nicht funktionierte? Sonja war eine sehr dominante Persönlichkeit. Sie hatte ihr Leben im Griff und alles lief nach Plan. Maria beneidete sie insgeheim um ihr Organisationstalent. In ihrer Wohnung hatte alles seinen Platz und wenn etwas Neues angeschafft wurde, dann wurde das Alte entsorgt. Sonja nannte das Minimalismus und sie war sehr stolz auf ihr Heim, das sauber und ordentlich war.
Selbst der Familienhund war so gut erzogen, dass Maria sich nicht gewundert hätte, wenn er selbständig seine Pfoten abgeputzt hätte, nachdem er aus dem Garten ins Haus kam. Nelly lag stets brav in ihrem Körbchen und verließ es nur, wenn man es ihr erlaubte. Dafür war sie sogar in eine Hundeschule gegangen und hatte strenge Regeln erlernt. Ob man ihr nun auch diese strengen Regeln beibringen wollte?
Maria atmete tief durch. Langsam ging sie in die Küche und träufelte ihre Kreislauftropfen auf ein Zuckerstück, das sie dann auf die Zunge legte und langsam zergehen ließ. Gleich fühlte sie sich etwas besser und konnte ihre Aufräumaktion fortsetzen. Die Bluse wanderte in den Beutel, auch die Hosen und Pullover, die sie niemals mehr tragen würde. Die ersten beiden Fächer des Kleiderschranks waren geschafft, als das Telefon klingelte.
„Hey, Oma!“, erklang die Stimme ihres Enkels. „Was geht?“ Maria grinste. Der Junge schaffte es, sie nach Sekunden zum Lachen zu bringen. Er behandelte sie nicht wie eine alte Frau, die sowieso nicht mehr wusste was ablief. Er sprach mit ihr so, wie er mit allen sprach, liebevoll und … modern, ja das war wohl der richtige Ausdruck.
„Hey, Malte! Alles im grünen Bereich!“, antwortete sie und schickte ein helles Lachen hinterher.
„Ob du zu Hause bist muss ich ja nicht fragen, sonst wärst du ja nicht ans Telefon gegangen, ne?“
„Stimmt!“
„Kann ich kommen heute Mittag? Ich hätte so Hunger auf einen „Strammen Max“. Bei mir fällt eine Vorlesung aus und ich hätte Zeit!“
„Du weißt doch, dass du jederzeit zu mir kommen darfst. Ich freu mich doch!“
„Okay, dann bin ich in einer Stunde bei dir. Bis gleich Oma!“
Maria knotete den Plastiksack mit den aussortierten Sachen zu und stellte ihn in den Abstellraum. Dann schüttelte sie ihr Bett auf, öffnete das Fenster und verließ das Schlafzimmer. Schnell machte sie Ordnung in der Küche und stellte alles bereit, so dass sie nur noch die Eier braten musste, wenn Malte kam. Ihr blieb noch Zeit, sich zu frisieren und sogar ein wenig Lippenstift trug sie auf. Dann kniff sie in ihre Wangen, die sich daraufhin leicht röteten. „Gut siehste aus, Maria!“, sagte sie laut und lächelte ihr Spiegelbild an. Der graue Pulli schien ihr etwas fade, also legte sie einen bunten Schal zweimal um den Hals und band eine chice Schleife seitlich. Maria war zufrieden.
Malte kam und brachte einen Strauß roter Tulpen mit, die er ihr in die Hand drückte.
„Die gab es beim Discounter nebenan, ich habe uns nämlich noch einen Nachtisch geholt, liebste Oma von allen, einen Vanillepudding mit Sahne!“, sagte er und nahm Maria in den Arm.
„Es ist leicht, die liebste Oma von allen zu sein, du hast ja nur die eine!“, lachte sie.
„Und wenn ich zehn hätte, dann wärst du es immer noch!“, behauptete er. „Aber sag mal, du hast geweint, Oma! Das sehe ich doch. Was ist los?“
„Ach nichts, es ist nichts!“
Malte ließ sich aber nicht täuschen. Er kannte seine Großmutter sehr gut und er hatte auch eine Ahnung, was sie bedrücken könnte.
„Jetzt mache ich uns erst einmal etwas zu essen und dann reden wir, okay?“, fragte Maria und schob Malte in die Küche. „Hilf mir mal, du machst die Brote fertig und ich brate die Eier!“
Die Beiden ließen es sich schmecken und als sie beim Pudding angekommen waren und jeder von ihnen noch mit den Fingern den letzten Rest aus dem Becher erwischen wollte, da lachten sie laut und albern.
„Wir sind schon Zwei!“ Malte hielt sich den Bauch vor Lachen. Maria lachte aus vollem Herzen mit. Wie gut das tat.
„Wenn ich erst bei euch wohne, dann werden wir beide nicht mehr viel Gelegenheit für unsere Albernheiten haben. Deine Mutter mag das nicht!“
Die Stimmung kippte. Malte wurde nachdenklich und Maria ärgerte sich. „Ich bin blöd, uns diese schöne Stunde zu verderben“, grollte sie mit sich selbst.
„Lass nur, Oma! Wir müssen ja mal drüber reden und das ist auch ein Grund, warum ich heute zu dir gekommen bin!“
Ängstlich sah Maria ihren Enkelsohn an. Was gab es zu reden, es war doch schon alles schlimm genug. Was würde nun noch kommen?
„Du weißt ja, dass Mama und ich momentan etwas Stress miteinander haben!“, begann er. „Ich habe Mama wirklich sehr lieb und sie tut ja auch alles für mich, aber ein wenig Abstand würde uns beiden gut tun. Eine eigene Wohnung kann ich mir aber momentan noch nicht leisten und ich weiß auch nicht, ob ich klar käme. Da wollte ich dich fragen, ob es nicht besser wäre, wenn du deine Wohnung behältst und ich bei dir einziehe. Dann bist du nicht allein, ich könnte dir bei vielen Dingen helfen und hier hätte ich Ruhe zum Lernen und ich wäre trotzdem auch nicht allein und vielleicht würdest du ab und zu für mich kochen und meine Wäsche, die kann ich selbst machen …“
Marias Stimme versagte, so gerührt war sie. Ihr „Großer“ wollte bei ihr einziehen. Das war doch die Lösung. Die Wohnung war groß genug für sie beide. Malte konnte ein eigenes Zimmer einrichten und in Küche und Bad würden sie sich schon nicht in die Quere kommen.
„High five!“, rief Maria und hob die rechte Hand.
„High five!“, rief auch Malte und klatschte Marias Hand ab, was soviel heißen sollte wie: Abgemacht, das müssen wir feiern.
Bei einem leckeren Eierlikör, selbstgemacht von Oma, besprachen sie, wie die Zukunft aussehen könnte und Maria machte Pläne wie ein junges Mädchen, das von Kopf bis Fuß verliebt ist.
„Um Mama kümmere ich mich schon, die wird einsehen, dass es für uns so viel besser ist!“, schlug Malte vor, bevor er gehen musste. Er küsste seine Oma und hob sie hoch, drehte sich mit ihr im Kreis, bevor er sie wieder auf die Beine stellte.
Als der „Junge“ gegangen war, holte Maria den Altkleidersack aus der Abstellkammer, suchte die Lieblingsbluse heraus und hängte sie wieder in den Schrank.

© Regina Meier zu Verl 2015

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