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Ein Licht in der Dunkelheit

Es war einmal, vor langer Zeit, als es noch kein elektrisches Licht gab und die Menschen an den Winterabenden früh zu Bett gingen, ein Mädchen, das fürchtete sich vor der Dunkelheit. Es mochte nicht allein in seinem Bett schlafen und wenn es doch einmal für eine Weile allein war, dann weinte es sich in den Schlaf.
„Wir müssen uns etwas überlegen!“, sagte die Mutter eines Tages zum Vater. „Es kann nicht angehen, dass unsere Anne jede Nacht in unserem Bett schläft. Wir brauchen doch auch unsere Ruhe, wenn wir den ganzen Tag schwer arbeiten! Außerdem müssen wir das Weihnachtsfest vorbereiten und was wäre die schönste Überraschung, wenn sie schon vor dem Fest entdeckt würde?“
Der Vater nickte zustimmend, aber eine Idee, wie man das Problem lösen könnte, hatte er auch nicht.
„Eine Kerze können wir nicht in ihr Zimmer stellen, das wäre viel zu gefährlich“, meinte er und kratzte sich am Kinn. „Das Haus ist aus Holz gebaut und würde lichterloh brennen, wenn die Kerze umfiele oder gar Funken versprühen würde!“
„Das ist wahr, aber gibt es denn gar keine Möglichkeit, doch etwas Licht ins Zimmer der kleinen Anne zu bringen?“ Die Mutter seufzte und legte einen Scheit Holz in den Ofen, der für eine gemütliche Wärme sorgte.
Die Großmutter hatte die Unterhaltung mit angehört.
„Ihr müsst eurem Kind ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, damit es merkt, dass es niemals allein ist. Dann wird es sich auch in der Dunkelheit nicht mehr fürchten!“, sagte sie.
„Aber wie sollen wir das machen?“, fragte die Mutter.
„Denk doch einmal daran, wie es war, als du selbst noch ein Kind warst!“, riet die Großmutter und lächelte. „Weißt du nicht mehr, wieviel Angst du selbst hattest?“
Die Mutter dachte eine Weile nach, dann ging ein Strahlen über ihr Gesicht.
„Ich weiß nun, was zu tun ist“, verkündete sie und verließ das Zimmer.
Als sie nach einer Weile das Kinderzimmer betrat, bat das Kind:
„Bitte lösch die Kerze noch nicht, ich fürchte mich so und mag nicht allein im Dunklen sein!“
Die Mutter setzte sich zur Tochter auf das Bett und erzählte:

Als ich so alt war wie du, da habe ich auch Angst vor der Dunkelheit gehabt. Eines Abends erzählte mir meine Mutter eine Geschichte, an die ich mich erst heute wieder erinnert habe. Ich werde sie dir nun erzählen, so gut ich kann, denn genau erinnere ich mich nicht mehr an den Wortlaut. Also, pass auf:
In einer kleinen Stadt lebte eine arme Familie. Der Vater war schwer erkrankt und da man nicht wusste, wie lange er noch zu leben hatte, versuchte man, ihm jeden Wunsch zu erfüllen, den er äußerte. Eines Tages wünschte sich der Vater einen Tee, der mit dem Wasser seiner Heimat zubereitet sein sollte. „Dann wird es mir schon wieder besser gehen!“, meinte er.
Da die Mutter ihren Mann nicht allein lassen konnte, beschloss der Sohn, sich aufzumachen und Wasser aus der Heimat des Vaters zu holen. Er wanderte Tag und Nacht. Es war kalt und in den Nächten fürchtete er sich. Er hatte noch nicht viel von der Welt gesehen und wusste nicht, welche Gefahren ihm begegnen könnten.
‚Hätte ich doch nur ein Licht‘, dachte er, ‚dann wäre die Angst nicht so groß!‘
Eines Nachts, er wanderte gerade durch einen Tannenwald, verließ ihn der Mut. Er war kurz davor umzukehren und er weinte bitterlich, weil das den sicheren Tod seines Vaters bedeuten würde. Die heißen Tränen liefen über sein Gesicht. Da hörte er eine Stimme:
„Junge, du bist nicht allein. Du kannst mich nicht sehen, aber ich bin immer bei dir!“, sagte diese sanfte Stimme. Sofort fiel alle Angst und Verzweiflung von dem Jungen ab.
„Wer bist du?“, flüsterte er.
„Ich bin dein Schutzengel!“, sagte die Stimme. „Ich weiß, dass du Wasser für deinen Vater holen willst, du bist schon fast am Ziel, gib nicht auf! Es wird schneien heute Nacht, warte, bis der Schnee den Boden der Lichtung vor dir bedeckt, dann nimm etwas von dem frischen Weiß und trage es nach Hause, es ist das Wasser der Heimat deines Vaters. Unter dem Schnee wirst du einen Stein finden, er ist mein Geschenk an dich!“
Es dauerte gar nicht lange, da fielen dicke weiße Flocken vom Himmel und schon bald war der Boden schneebedeckt. Der Junge füllte den frischen Schnee in einen Topf, den er mitgenommen hatte und an der Stelle, von der er genommen hatte, fand er einen glatten Kieselstein, der die Form eines Herzens hatte. Er nahm ihn und steckte ihn in seine Hosentasche, dann rief er ein lautes „Danke“ in den Wald und machte sich auf den Heimweg.

Die Mutter fasste in ihre Schürzentasche und holte einen flachen Kieselstein hervor. Den drückte sie Anne in die Hand.
„Schau, das ist der Stein, den der Junge damals von seinem Schutzengel bekommen hat. Ab jetzt soll er dir gehören!“
Fasziniert betrachtete das Kind den Stein, in dem kleine goldenen Funken eingeschlossen waren. „Er leuchtet!“, rief es. „Schau doch nur!“
Die Mutter lächelte. „Ja, er leuchtet und wenn du ihn bei dir trägst, dann kann dir nichts geschehen.“
„Und Mama, ist der Vater wieder gesund geworden?“, wollte Anne wissen.
„Das weiß ich nicht, aber ich weiß, dass er sehr glücklich war, als der Sohn nach Hause kam. Dieser hat den Stein immer bei sich getragen und irgendwann hat er ihn deiner Oma geschenkt und von der habe ich ihn bekommen. Jetzt gehört er dir und er wird immer auf dich aufpassen!“
Doch das hörte Anne nicht mehr. Mit einem seligen Lächeln, den Stein in der Hand, war sie eingeschlafen und fortan fürchtete sie sich nicht mehr in der Dunkelheit.

HIER auch als Hörgeschichte
© Regina Meier zu Verl

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