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Die Würze des Tages
Erzählung mit einem Augenzwinkern – Begegnung im Park

„Mein Klaus-Edwin hat diesen Kuchen immer so sehr geliebt. Aber nur in dieser Jahreszeit.“
Die alte Dame holte eine Kuchenform, bedeckt mit einem frischen rot-weiß karierten Küchentuch, aus ihrem Korb und stellte sie auf die Bank.
„Und deshalb“, fuhr sie fort, „backe ich diesen Vanillekuchen auch immer nur im Herbst.“ Sie machte wieder eine Pause, sah über die Parkwiese dem Spiel der Sonnenstrahlen hinterher, überlegte. Dann wandte sie sich wieder an ihren Banknachbarn.
„Wäre es sehr anmaßend, wenn ich Ihnen ein Stück oder gerne auch zwei oder drei anböte?“, fragte sie dann, leise, unterwürfig fast. „Da ist sonst niemand, der sich darüber freute.“
Der alte Herr, der die Augen geschlossen und sich, die Sonne genießend, dem Lauf seiner Gedanken hingegeben hatte, zuckte zusammen. Es schien, als hätte er soeben erst bemerkt, dass er nicht mehr alleine auf der Parkbank saß.
„Oh!“, sagte er. „E-entschuldigen Sie. Ich war in Gedanken.“ Er rutschte ein Stück zur Seite. „Sitzen Sie schon lange hier?“
„Ich muss mich entschuldigen“, erwiderte sie. „Ich habe sie gestört.“
„Oh nein. Ich freue mich immer sehr über nette Begegnungen.“
„So?“, fragte sie. Ihre Stimme klang ein wenig spitz nun. „Machen … machen Sie viele Bekanntschaften hier im Park?“
„Hm.“ Der Mann nickte. „Immer wieder. Und immer wieder gerne. Sie nicht?“
„Wenn es gut tut für die Seele“, antwortete sie vage. „Ich …“ Sie schwieg.
Der Mann wandte sich ihr zu, reichte ihr die Hand.
„Wie dem auch sei“, meinte er. „Ich bin erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Gestatten. Reber. Claus Reber. Claus mit C.“
„Angenehm. Catherine Anger. Catherine auch mit C.“
Sie lachte nun und erwiderte den Händedruck. Dann rutschte sie ein Stück näher und küsste den Fremden auf den Mund. Es war ein langer, inniger Kuss.
„Genügt das für eine frische Parkbekanntschaft?“, fragte sie.
„Hm. Hm. Noch nicht so ganz“, brummte er. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste ihre Stirn, die Nase, die Wangen, den Mund. Viele kleine zarte Küsse.
„So“, murmelte er. „So ist es schon besser. Und nun hätte ich wirklich Kuchenhunger. Vielleicht decken sich unsere Kuchengeschmäcker, die Ihres Klaus-Edwin und meiner?“ Er zögerte, tat, als würde er nachdenken, brummte: „Hm. Klaus-Edwin. Was für ein Name!“
Sie kicherte. „Entschuldige mir den ‚Klaus-Edwin‘. Ich konnte nicht anders. Er passte so fein in diesen Tag.“
„Warte nur, du Biest!“, erwiderte er mit einem Schmunzeln. „Morgen bin ich an der Reihe … und ich habe auch schon eine Idee.“
Sie lächelte. „Ach, wie spannend es doch ist, mit dir alt zu werden. Wie sehr ich unsere täglichen Spielchen liebe!“
„Jedem Tag seine Würze“, erwiderte er. „Und jedem Tag ein neues kleines Abenteuer. Das ist’s, was ich unter Leben verstehe.“
Sie nickte.
Dann schwiegen sie. Für den Moment war alles gesagt, und morgen würde ein neues, kleines, aufregendes Spiel beginnen als Würze des Tages. Pfeffrig, feurig, süß.

© Elke Bräunling

Zweisamkeit, Bildquelle © kliempictures/pixabay

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