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Alle guten Dinge sind drei

‚Hallo du! Danke für deine schöne Karte. Du musst dir keine Sorgen machen. Mir geht es gut. Die Zeit heilt alle Wunden, sagen sie. Ich habe beschlossen, dies zu glauben. Liebe Grüße, Deine Lea.‘
Sorgsam, bedächtig und mit großen, steilen Buchstaben malte Lea die Worte auf die Karte, die so alt aussah, als stamme aus sie der Zeit ihrer Großeltern. Ein üppig arrangierter Sonnenblumenstrauß zierte die Vorderseite. Einige trockene Blütenblätter lagen unter der Vase, die scheinbar handgetöpfert war. Es war eine von Leas Lieblingskarten. Sie besaß eine umfangreiche Sammlung. Diese war, Lea erinnerte sich genau, ein Geschenk von ihrem Vater gewesen. Nur ungern hatte sie diese für ihre heutige Botschaft ausgewählt, aber wozu sollte sie all die Schätze noch immer horten? Dorthin, wo jeder mal hingehen musste, konnte sie sie ja doch nicht mitnehmen. Lea legte den Füllhalter zur Seite und starrte aus dem Fenster. Ihr war, als spiegelten sich Sonnenblumen in der Fensterscheibe und winkten ihr zu.
Immer lebendiger wurde das Bild, das vor ihren Augen entstand. Je länger sie aus dem Fenster starrte, desto mehr Bewegung nahm sie wahr. Auf den Gesichtern der winkenden Sonnenblumen lag ein warmes Lächeln, und da – war da nicht eine Katze, die majestätisch den Gartenweg entlang stolzierte? Lea schaute genauer hin. Das war nicht irgendeine Katze, es war Gloria. Gloria war lange Leas beste Freundin gewesen.
„Träume ich?“ Lea schüttelte den Kopf. All diese Geister der Vergangenheit, die ihr an diesem späten Nachmittag begegneten. Dabei wollte sie doch nur diese Karte schreiben. So lange hatte sie es mit der Beantwortung vor sich hergeschoben, weil ihr die Worte fehlten. Und man sah ja auch, wohin es führte. Sofort fing man an zu phantasieren. Oder war es doch Gloria da draußen? Nein. Das konnte nicht sein. Sie erhob sich und trat näher ans Fenster.
Still lag der Park in der Sonne. Sonnenblumen sah Lea nun nicht mehr, auch die Katze war verschwunden. Auf einer Bank saßen zwei ältere Damen, die Lea im Frühstücksraum schon einmal gesehen hatte. Sie unterhielten sich angeregt. Sie seufzte wieder. Wie gerne hätte sie sich zu ihnen gesellt, doch sie kannte die beiden doch nicht.
„Wann bin ich bloß so menschenscheu geworden?“, murmelte sie und kehrte zum Tisch zurück. Sie nahm die Karte in die Hand, überlegte. „Wo ich hier Briefmarken kaufen kann, weiß ich noch nicht. Auch nicht, wo ich den nächsten Briefkasten finde. Ob ich die Damen da draußen frage? Das wäre doch eine gute Idee.“ Entschlossen zog sie ihre Jacke an, steckte die Karte in ihre Handtasche und verließ das Haus.
„Es ist gut, ein Ziel zu haben!“, murmelte sie, um sich selbst Mut zu machen. Schon war sie bei der Bank angekommen. Sie grüßte freundlich, zog die Karte aus der Handtasche und fragte:
„Ich bin noch ganz neu hier und kenne mich gar nicht aus. Können Sie mir sagen, wo ich eine Briefmarke bekommen kann?“
„Klar, das können wir! Herzlich willkommen, ich bin die Anne und …“, sie zeigte auf ihre Nachbarin, „das ist die Kathy. Wir werden Sie begleiten und wir kommen wir auch gleich am Postkasten vorbei, dort können Sie ihre Karte auf den Weg bringen!“ Die beiden erhoben sich umgehend.
„Oh, das ist sehr nett von Ihnen. Dankeschön.“ Sie deutete zu ihrem Fenster hinüber. „Ich … ich bin Lea und wohne nun auch hier.“
„Fein!“, freute sich Anne. „Ist das nicht ein Anlass, der mit einem kleinen Prosecco begossen werden will?“
„Oh“, warf Kathy ein. „Es dürfen gerne auch zwei sein.“
„Oder drei“, sagte Lea schnell und lachte. „Alle guten Dinge sind drei!“

© Regina Meier zu Verl

 

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