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Komm! Mal ein Bild!
Erzählung

„Komm! Mal auch ein Bild!“
Das Kind, das auf einer Bank im Park saß und lustige Strichmännchen malte, während es auf seine Großmutter wartete, reichte der Frau, die neben ihm Platz genommen hatte, Stift und Papier.
Die Fremde schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht malen“, murmelte sie abwehrend. „Das konnte ich noch nie.“
Das Kind schüttelte auch den Kopf. „Du kannst es. Bestimmt“, behauptete es. „Meine Oma sagt immer: Jeder kann malen. Man muss es nur versuchen.“
„Was für eine kluge Oma du hast!“ Die Frau lächelte.
„Stimmt! Sie ist sehr klug. Und malen kann sie auch, aber das macht sie noch nicht sehr lange. Weil sie nämlich früher auch immer „Ich kann nicht malen“ gesagt hat.“
Das Kind deutete zu der alten Dame hinüber. Die stand am Teich vor einer kleinen Staffelei und malte Enten, die sich inmitten der weiß und rosa blühenden Seerosen tummelten.
„Guck nur, wie toll sie malen kann!“
Die Frau linste verstohlen zur Staffelei hinüber. Es gefiel ihr, was sie auf die Ferne hin sehen konnte. Ein schaumweiches, blaugelbrosazartes Märchen, das die alte Dame mit kundigen Strichen auf die Leinwand zauberte.
„Schön!“, sagte sie. „Es sieht wunderschön aus. Wie verzaubert, irgendwie.“
„Und fröhlich!“, krähte das Kind. „Meine Oma malt nur fröhliche Bilder mit bunten Farben. Weil sie das Traurigsein nämlich nicht mehr leiden mag.“
„Nicht mehr?“
Das Kind nickte. „Sie ist mal sehr traurig gewesen. Wegen Opa. Der ist nämlich nicht nett zu ihr gewesen. Nun aber lacht sie wieder. Immer fast. Ist das nicht supertoll?“
„Das ist sogar obersupertoll.“ Die Frau grinste schief.
„Ja! Ja! Malen macht fröhlich.“ Das Kind lachte nun. „Willst du es  auch wieder sein?“
„Wer sagt, dass ich es nicht bin?“, fragte die Frau schnell und in ihrer Stimme lag nun so etwas wie Betroffenheit.
„Keine Ahnung.“ Das Kind zuckte mit den Achseln. „Es ist, weil du vorhin so traurig auf die Rosen dort geguckt hast. Mal sie doch!“
„Was? Wen?“
„Die Rosen. Was sonst?“
Die Frau schüttelte wieder den Kopf. „Es ist nett von dir, dass du dich um mich sorgst. Aber ich kann wirklich nicht malen. Leider.“
„Versuch es! Oder bist du ein Feigling?“
Wieder drückte ihr das Kind den Malstift in die Hand. Dann stand es auf und schlenderte zu seiner Großmutter hinüber.
Verdutzt starrte die Frau auf Papier und Stifte. Im ersten Augenblick wollte sie beides zur Seite legen und flüchten, nach Hause, dorthin, wo sie keiner zu Dingen, die nicht zu ihr passten, überreden wollte und wo sie sich wie in einer schützenden Höhle fühlte. Alleine, ungestört … und  niedergeschlagen.
Sie seufzte und malte einen Kringel auf das Papier und noch einen und daraus entstand eine Rose und noch eine und noch eine und … sie konnte gar nicht mehr aufhören damit. Ihre Augen strahlten. Viele Rosen malte sie, auf denen fröhlich lachende Strichmännchen saßen. Es fiel ihr gar nicht schwer. Die Zeit hatte sie vergessen, den Kummer und die Zweifel auch.

© Elke Bräunling