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Manuel hat immer Zeit
Erzählung – Begegnung im Park

„Du redest ja mit einer Puppe!“
Das Kind war vor der alten Frau stehen geblieben und lachte.
Die alte Dame, die Tag für Tag auf dieser Bank im Park Rast machte und sich mit der Schaufensterpuppe, die neben ihr saß, unterhielt, blickte auf. Sie lachte auch.
„Das ist Manuel“, stellte sie die Puppe vor. „Wir unterhalten uns jeden Tag ein Weilchen.“
„Mit einer Puppe kann man doch nicht reden! Oder?“ Ungläubig starrte das Kind die Puppe, die einen schwarzen Nadelstreifenanzug, Hemd, Krawatte und mintgrüne Damenpantoffeln trug, an.
„Aber ja.“ Die Frau strich der Puppe, pardon, Manuel über den Arm. „Ganz wunderbar kann man sich mit Manuel unterhalten. Und das Beste daran ist“, sie lachte wieder, „ja, das Beste ist, dass er mir zuhört. Jedes meiner Worte hört er ganz genau. Wort für Wort für Wort. Und das gefällt mir. Ich bin es nämlich nicht gewohnt.“
„Warum nicht?“ Das Kind war neugierig geworden. Diesen Manuel wollte es näher kennen lernen.
„Weil mir mein lieber Mann, der Manfred, – Gott hab ihn selig -, nie zugehört hatte. ‚Jaja‘, hatte er immer gesagt, wenn ich ihm etwas erzählte. Nur ‚Jaja. Und dann hatte weggehört und meine gesagten Worte, die im Raum tanzten, wie lästigen Staub weggewischt und unter den Teppich gekehrt.“
„Worte kann man nicht wegwischen“, widersprach das Kind.
„Oh ja. Das kann man sehr wohl.“
„Und die liegen jetzt noch immer unter dem Teppich?“
„Vermutlich. Bis jemand kommt, der sie befreit.“
Das war dem Kind zu kompliziert. „Aber deine Manuelpuppe antwortet dir auch nicht“, sagte es.
„Das stimmt nicht ganz. Und Manuel kann auch nicht weglaufen. Er muss zuhören und meinen Worten die Freiheit lassen.“ Die alte Frau deutete mit spitzen Fingern in die Luft. „Siehst du sie, wie sie überall hier tanzen?“
Tanzende Worte? Die wollte das Kind unbedingt sehen. Es strengte sich an, starrte in die Luft und sah winzig kleine Staubkörnchen, die durch die Luft wirbelten und mit einer Schar ebenso winzig kleiner Mücken tanzten. Sie flirrten im Licht der Sonne und das sah ein bisschen geheimnisvoll aus.
„Ich glaube, ich kann einige von ihnen sehen“, flüsterte es schließlich. „Glaubst du, sie können die neuen Worte, die wir gerade reden, auch hören?“
Die alte Frau nickte. „Aber ja. Es werden auch immer mehr. Siehst du sie?“
„Ja. Oh ja, ich kann sie nun auch sehen. Sie fühlen sich gut. Ich glaube, ein bisschen kann ich sie auch hören. Sie reden miteinander und lachen.“ Die Stimme des Kindes klang ehrfürchtig nun. „Psst!“
Und dann schwiegen sie, das Kind, die Alte und Manuel, die Puppe, und sahen den Worten beim Tanzen, Reden und Lachen zu. Da war ja auch kein Teppich, unter den man sie hätte kehren können.
Später nach ihrer Mittagspause trug Elsa, die Wirtin des nahen Parkcafés, Manuel zu seinem Platz in die Abstellkammer zurück. Das machte sie seit dem Tag, an dem ihre Großmutter in der Puppe jemanden gefunden hatte, mit dem sie für ein paar Stunden all die Worte und Gedanken ihres langen Lebens teilen konnte. Sie rückte ihm die Krawatte zurecht, strich über sein üppig rotblondes Haar und murmelte ihm ein verschämtes „Danke“ zu. Und manchmal, ja, manchmal war ihr, als zwinkerte Manuel, die Puppe, zur Antwort zurück.

© Elke Bräunling

Zeit haben, Bildquelle © SylviaWetzel/pixabay