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Die Wunder ihrer Tage
Erzählung vom Glück im Alter

„Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn, und dann werden tausend Märchen wahr. Ich weiß, so schnell kann keine Liebe vergehn, die so gross ist und so wunderbar…“
Irgendwo unten in den Gärten arbeitete eine junge Frau und sang das Lied. Sie hatte eine sympathische Altstimme, die beim Zuhörer einen angenehmen Gänsehauteffekt erzeugte.
„Schön! Oh, wie ist das schön!“ Ella Berger, die in ihrem Rattansessel auf dem Balkon saß und das Stündchen der Mittagsruhe genoss, seufzte. „Ich liebe dieses Lied. Wie lange habe ich es nicht mehr gehört! Es freut mich, ihm wieder einmal zu begegnen! Und es stimmt. Ja, es stimmt wirklich. Hör doch, Valentin! Weißt du, woran es mich erinnert? … Valentin?“
Sie wandte sich zu ihrem Mann zu, der es sich mit einem Buch in der Sofaecke bequem gemacht hatte. Das Buch war auf seinen Schoß gefallen.
„Er schläft“, murmelte sie. „Das wundert mich nicht.“
Sie lächelte. ‚Ich sollte auch ein wenig ruhen‘, dachte sie. ‚Die letzte Nacht ist wieder wundervoll turbulent gewesen.‘
Ihre Gedanken schweiften zurück in die kleine Weinstube am Markt, in der sie den Abend verbracht hatten. Nach einem vorzüglichen Essen und anregenden Gesprächen mit Freunden waren sie erst weit nach Mitternacht nach Hause gekommen. Weil sie sich beide noch so aufgedreht fühlten, hatten sie mit Gipsy, der alten Spanielhündin, einen ausgedehnten Spaziergang hinunter zum Fluss gemacht. Es war ein Vergnügen, Hand in Hand durch die Nacht zu schlendern, der Musik der Grillen in den Gärten zu lauschen und die Stille zu genießen. Hätte Gipsy nicht nach einer Stunde gestreikt, wären sie noch stundenlang weiter und weiter durch die Dunkelheit spaziert.
Es hatte sich wundervoll angefühlt. Und perfekt, einfach perfekt.
Früher hatten sie dafür nie Zeit gehabt. Sie hatten sich diese Auszeiten selten gegönnt. Das Leben mit all seinen Pflichten, auch mit dem Leid und den Sorgen, hatte ihnen dazu keinen Raum gelassen. Heute hingegen mussten sie nicht mehr nach der Uhr leben und sie lernten gerade, es auch genau so zu tun. Regeln gab es für die anderen, nicht mehr für sie. Den Teufel würden sie tun, sich weiterhin albernen, der Zeit unterworfenen Ritualen zu fügen? Warum auch? Kein Hahn krähte danach, was sie wann und wo und warum taten oder nicht, und das war gut so. Dies war der kleine Lohn des Alters und des Ruhestands. Und ja, sie zeigten es nun allen noch einmal so richtig. Sie zeigten auch dem Leben, das es oft nicht gut mit ihnen gemeint hatte, den Stinkefinger. Es gab nur ein Leben, und das wollte nun gelebt werden ohne an das Gestern und an das Morgen zu denken. Das Heute war es, das zählte. Dies zu erkennen, war das, was sie ihr eigenes kleines Wunder nannten. Und seither war jeder Tag für sie kostbar und ein neues Wunder.
Sie lachte heiser auf und summte die Melodie des Liedes, das wieder zu ihr herüber hallte, mit. Dann schloss auch sie die Augen zu einem Schläfchen, um ausgeruht zu sein für ein neues kleines Wunder.
„Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn und dann werden tausend Märchen wahr.“

© Elke Bräunling

Unterwegs, Bildquelle © PICNIC_Fotografie/pixabay

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