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Omas Schutzengel

„Singt sie nicht wie ein Engel, unsere kleine Angelina?“, fragt Oma, die heute zu Besuch da ist.
„Ja“, sagt Mama, „sie singt wirklich sehr schön! Darum habe ich sie auch im Kinderchor angemeldet. Schon nächsten Monat geht es los!“
„Hast du gut gemacht!“, lobt Oma und lächelt versonnen. „Weißt du, ich war ja auch damals im Chor!“
Klar, das weiß Mama. Oma hat es oft genug erzählt und was jetzt kommt, weiß Mama auch.
„Wir haben ja einmal ein großes Konzert gegeben und da habe ich …“
„Das Solo gesungen, ich weiß Mutter!“, fällt Mama ihr ins Wort. Oma tut aber so, als habe sie das nicht gehört.
„Ich kann mich noch an jedes Wort und jeden Ton erinnern“, sagt Oma jetzt.

Sie räuspert sich und dann singt sie: „Gott ist mein Hihirt, mir wird nichts mahanhangeln!“
„Oma, was ist ein Hihirt?“, fragte Angelina. Sie grinst, denn auch sie kennt die Geschichte vom Chor und vom Solo und dem Hihirten.
„Aber Kind, habt ihr denn keinen Religionsunterricht in der Schule?“, fragt Oma entsetzt. „Ein Hirt, das ist ein zum Beispiel ein Schäfer, der auf seine Schafe aufpasst, ein Schafhirt eben!“
„Ach so, dann passt Gott also auf uns auf?“
„Das hast du gut erkannt, Angelina“, meint Oma stolz. „Schließlich musst du das ja auch wissen, denn du bist ja sozusagen eine Gehilfin!“
„Hä?“ Angelina versteht nicht, was Oma meint.
„Das heißt: Wie bitte?“, merkt Oma an. Doch dann erzählt sie, und das ist nun wirklich mal neu für die Kleine. „Angelina, das heißt Engelchen!“
„Stimmt ja, habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Dabei haben wir in der Schule in Englisch gelernt, dass Engel auf Englisch „Angel“ heißen. Klasse, ich bin ein Engelchen!“, jubelt Angelina und hüpft fröhlich durchs Zimmer. Dann bleibt sie stehen und fragt nach: „Aber warum bin ich eine Gehilfin?“
„Die Engel passen ebenfalls auf uns auf, deshalb sagt man ja auch Schutzengel. Jeder von uns hat so einen Schutzengel!“
„Ich auch, Oma? Habe ich auch so einen Schutzengel, obwohl ich doch selbst ein Engelchen bin?“
„Klar, du auch. Du besonders!“

Nun macht Angelina große Augen, das versteht sie nicht so richtig. Wenn jeder einen Schutzengel hat, dann ist es ja gut, aber warum soll es bei ihr besonders sein?
„Warum, Oma? Was ist so besonders an mir?“, fragt sie deshalb.
Oma lächelt und zieht Angelina auf ihren Schoß.
„Weil du mein Schutzengel bist! Kannst du dich an den Tag erinnern, als ich den Kuchen im Ofen vergessen hatte und die ganze Küche unter Qualm stand?“
Angelina nickt. Natürlich weiß sie das noch, das war ein riesiger Schreck gewesen.
„Ja, klar, das weiß ich noch! Sowas vergisst man nie! Ich kam ja aus der Schule und eigentlich hätte ich sofort nach Hause gehen sollen, aber ich wollte dich besuchen und da qualmte es schon aus deinem Küchenfenster. Ich habe dann sofort beim Hausmeister geklingelt und der hat deine Wohnungstür geöffnet. Ich vergesse nie, wie du da selig schlafend auf dem Sofa im Wohnzimmer lagst und von alldem nichts mitbekommen hast, oh je!“
Oma nickt und ihr Gesicht ist plötzlich ganz ernst.
„Das hätte böse für mich ausgehen können!“, sagt sie und drückt Angelina einen Schmatzer auf die Wange. „Glücklicherweise warst du mein Schutzengel und so sind wir alle mit einem Schrecken davongekommen!“
„Genau, nur der Kuchen war hinüber!“ Angelina grinst. „Aber daran sollte es nicht mahanhangeln, nicht wahr? Du hattest ja Plätzchen im Haus!“
„Hey, du kleiner Frechdachsengel, du willst mich wohl veräppeln?“
„Aber Oma, ich doch nicht! Ich habe nur das lustige Wort aus deinem Lied genommen, das habe ich nämlich verstanden und den Hihirten, den kenne ich nun auch, ist ja mein Chef!“

© Regina Meier zu Verl

 

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