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Blumen immer freitags
Erzählung

Endlich war wieder Freitag. Vorsichtig und sehr leise öffnete Luise die Haustür. Ihr Herz pochte ein wenig schneller, als sie den Blick zu den drei Stufen, die vom Vorgarten zum Haus hinauf führten, richtete. Noch hatte sie die Augen geschlossen. Der Überraschung wegen. Es war der schönste Moment der Woche, wenn sie den Freitagsblumenstrauß erblickte. Er lag immer auf der zweiten Stufe rechts und er bestand meist aus selbst gepflückten Blumen, Kräutern oder Blütenzweigen, liebevoll gebunden und arrangiert.
Luise war längst verliebt in die Überraschungssträuße jenes unbekannten Blumenfreundes. Sie wusste nicht, wer sie ihr seit Frühlingsbeginn Woche für Woche vor die Haustür legte. Sie hatte es aufgegeben, danach zu forschen. Alles Nachfragen war ebenso ohne Ergebnis geblieben wie der Versuch, sich auf die Lauer zu legen und den Hauseingang zu beobachten. Nie hatte sie je den unbekannten Blumenkavalier – oder vielleicht war es eine Blumenfee? – zu Gesicht bekommen. Sie kannte auch niemanden, der sich die Mühe machen würde, ihr mit so viel Fantasie jede Woche wieder eine Freude bereiten zu wollen. Sie wollte auch nicht mehr darüber nachgrübeln. Ein Engel war es. Ein Zauberer, der wieder Licht in ihr eintöniges Leben gebracht hatte.
Luise lächelte. Ein Leben ohne die Vorfreude, die ihr die Tage erhellte, mochte sie sich nicht mehr vorstellen. Welche Blumen es wohl dieses Mal sein mochten? Die Akeleien vom letzten Freitagssträußchen waren noch nicht verblüht und schmückten in der schlichten Glaskanne, die als Blumenvase diente, noch immer den Küchentisch. Luise hatte schon überlegt, dass sie sie stehen lassen und die neuen Blumen auf den kleinen Sekretär im Wohnraum stellen würde.
„Man wird sehen“, murmelte sie nun. Dann öffnete sie endlich die Augen und blickte zur zweiten Stufe rechts.
Nichts. Keine Blumen lagen da.
Keine Blumen?
Luise erschrak. War es vorbei, das Leben der kleinen Überraschungen? Sollte ihr diese kleine Freude nicht mehr vergönnt sein? Ihr Herz schlug Saltos, die Gedanken rasten. Luise musste sich für einen Moment am Türrahmen festhalten. Dann konnte sie wieder klarer denken.
Vielleicht habe ich zu früh nachgesehen?, überlegte sie. Vielleicht sollte ich noch warten? Vielleicht war die Zauberperson aufgehalten worden? Und vielleicht pflückte sie noch irgendwo in einem Garten oder auf einer Wiese die Blumen für ihren Freitagsstrauß? Vielleicht …
Luise schüttelte den Kopf. Nein, mit vielen ‚Vielleichts‘ mochte sie nicht mehr leben. Sie waren zu oft für Enttäuschungen verantwortlich. Ein klares Ja und ein klares Nein hingegen hinterließ Klarheit. Ein Vielleicht ließ hoffen.
„Wer immer nur hofft, lebt am Leben vorbei“, sagte sie mit fester Stimme. „Ich kann mir meine Freitagsblumen auch selbst pflücken, und ja, darauf freue ich mich sogar.“
Sie ging ins Bad, kämmte sich die Haare, flocht sie zu einem langen Zopf und übermalte die Blässe auf ihren Wangen mit ein paar gezielten Pinselstrichen Make-up, Puder und Rouge rosé. Dann schlüpfte sie in ihre jeansblauen Sneakers und hängte sich den Lieblingspullover, Kaschmir rosenrot, über die Schultern, passend zu den Jeans und dem weißen Pikéhemd. Ein Blick in den Spiegel und ein Lächeln bestätigten es ihr: Gut sah sie aus und heiter und für ihr Alter gar nicht alt. Und das ganz ohne hoffende Vielleichts.
Wenig später verließ sie das Haus. Sie kannte ihr Ziel. Die Auenwiese unten am Fluss. Hier hatten sie als Kinder schon Blumen für ihre Mütter gepflückt und zu Sträußen gebunden. Ihr Freund Arno und sie.
Sie stutzte. Arno? Wie lange hatte sie nicht mehr an ihn gedacht! Es war immer freitags gewesen, dass sie sich am Fluss getroffen hatten. Freitags!
Ein Lächeln überzog ihr Gesicht. Seit mehr als fünfzig Jahren hatten sie Arno nicht mehr gesehen. War er zurückgekehrt?
Sie ging weiter zum Stauwehr. Dort war ihr liebster Spielplatz gewesen. Obwohl das halbe Städtchen, so schien es, an diesem freundlich hellen Abend unterwegs war, waren dort nur noch wenige Parkbänke besetzt. Vorne am Wasser stand ein Mann. Sie sah nur seinen gerade aufgerichteten Rücken, das weiße Lockenhaar und den Blumenstrauß in seiner Hand. Rosen dieses Mal.
Nur noch wenige Schritte, dann hatte sie ihn erreicht. Sie kicherte. „Du bist also wieder da?“
Da sah sie, dass auch seine Schultern bebten. Er drehte sich um, hielt ihr die Blumen entgegen und fragte:
„Erinnerst du dich an unsere Wette damals? Ich hatte sie verloren und sollte dir ein Jahr lang jeden Freitag einen Blumenstrauß schenken.“
„Warum hatten wir gewettet? Ich weiß es nicht mehr.“
„Ich weiß es auch nicht mehr.“ Er grinste. „Ich weiß nur, dass ich verloren hatte und nun endlich meine Wettschulden einlösen werde. Einundfünfzigalt sein

Jahre sind eine lange Zeit und ich habe keine Lust mehr, länger zu warten.“
„Ich auch nicht“, antwortete Luise. Sie nahm die Blumen und legte ihre Hand in die seine.

© Elke Bräunling

Blumengruß, Bildquelle © Free-Photos/pixabay

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