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Der Kussmund am Glas
Eine Erzählung und eine Eifersucht


Am Glas war noch Lippenstift. Anna Wagner sah es genau. Nicht einmal den Versuch hatte er gemacht, ihn wegzuwischen. Nein. Rosarot prangte diese verräterische Spur am Glas. Sie ähnelte einem Kussmund.
Es war eines der guten Gläser, die sie nur zu besonderen Gelegenheiten benutzten. War ihre Abwesenheit etwa eine dieser besonderen Gelegenheiten für ihn? Unverschämtheit. Er hätte das Glas wenigstens spülen können. Es war doch klar, dass sie es hier in der Spüle gleich entdecken würde.
Anna kämpfte gegen die Tränen. Ihr war, als grinse er ihr zu, dieser Kussmund. Höhnisch. Ja, er grinste höhnisch. Und so fühlte sich Anna auch. Verhöhnt. Hatte er denn noch nicht genug? Machte er immer so weiter, dieser Casanova? Er musste doch endlich zur Ruhe kommen mit all den Weibergeschichten! Oder wie lange sollte sie seine Eskapaden noch ertragen? Schon beim letzten Mal hatte sie ihm geschworen, dass sie nur noch einmal ein Auge zudrücken würde. Ach, wie oft eigentlich hatte sie dies gesagt!
Anna seufzte.
„Es wird Zeit, dass ich Nägeln mit Köpfen mache. Ja, höchste Zeit. Ich ertrage diese Demütigungen nicht mehr.“ Sie nickte. Eine wilde Entschlossenheit zeigte sich in ihrem Blick. „Das Maß ist voll! So mag ich nicht mehr leben. Ich …“
Viele Worte, die von ihren Lippen sprangen. Es war wirklich an der Zeit, dass sie sich Luft machte. Ihr Herz war doch keine Mördergrube!?
„Gehen!“, wütete sie. „Er soll endlich gehen, egal wohin. Ich will es nicht mehr wissen. Nur meine Ruhe will ich haben. Weitere Enttäuschungen ertrage ich nicht mehr. So nicht. Und überhaupt. Ich werde …“
„Redest du mit mir, Anna? Ich kann dich so schlecht verstehen. Was meinst du?“
Sie erschrak. Peter! Er war in die Küche gekommen
„Ach, nichts!“, sagte sie schnell. „Ich habe nur … so … vor mich hin gebrabbelt. Es ist nichts … Wichtiges.“
„Ach so! Dann ist ja alles in Ordnung.“ Peter legte den Arm um die Schulter seiner Frau. Er lächelte.
„Es gibt Neuigkeiten!“, flüsterte er ihr zu. „Wundervolle Neuigkeiten.“
„Ach ja?“
„Ja! Katharina war da vorhin. Stell dir vor, sie bekommt ein Baby. Du wirst Uroma. Ist das nicht wundervoll?“
Anna zuckte zusammen. Vor Freude. Und ein bisschen auch vor Scham.

© Elke Bräunling

Liebe, Bildquelle © Peggychoucair/pixabay

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