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Papa hatte recht

Wenn Meret das richtig verstanden hatte, musste sie nur ganz genau hinsehen. Papa hatte gesagt: „Das Geld liegt auf der Straße, man muss es nur aufheben!“
Also schaute Meret ganz genau auf den Weg und trödelte auch ein wenig herum, damit sie es auf jeden Fall sehen könnte, das Geld.
Sie kam ein paar Minuten zu spät in die Schule und Herr Nordmann fragte, was denn los gewesen sei.
„Ich habe Geld gesucht“, antwortete Meret. „Leider habe ich nichts gefunden.“
„Wie viel hattest du denn verloren?“, fragte Herr Nordmann besorgt.
Meret überlegte einen Moment, ob sie ihn auch einweihen sollte. Wenn Herr Nordmann auch Bescheid wüsste, dann würde er das Geld suchen und die anderen Kinder auch. Aber sie, Meret, wollte es finden.
„Es waren nur zehn Cent“, sagte sie deshalb und setzte sich auf ihren Platz. Sie würde mittags noch einmal genauer nachschauen, dann war es auch heller. Sie würde es schon finden, wenn Papa Recht hatte.
Nach Schulschluss versuchte sie es noch einmal. Sie fand aber lediglich einen Knopf, zahlreiche Kronkorken, Zigarettenkippen und ein kleines in Leder gebundenes Buch, das am Straßenrand im Gras lag. Meret hob es auf und schaute hinein. Alle Seiten waren eng beschrieben mit einer Schrift, die Meret nicht lesen konnte. Ganz vorn stand ein Name drin und eine Telefonnummer. Meret nahm das Buch mit nach Hause und zeigte es Mama.
„Da hast du aber einen Schatz gefunden. Es ist ein Tagebuch und gehört einem Mr. Thomson.“, sagte Mama und dann nahm sie das Telefon und wählte die Nummer, die vorn im Buch stand.
Mr. Thomson meldete sich sofort.
„Guten Tag, meine Tochter hat ein Buch gefunden, dass Ihnen gehört“, erklärte Mama und dann beschrieb sie dem Mann, wo er sie finden konnte. „Steinbreger Straße 8, bei Fischer“, sagte sie. Dann legte sie auf und bereits eine halbe Stunde später kam Mr. Thomson, um sein Buch abzuholen.
„I am very happy, little girl“, sagte er und Meret schaute ihn verständnislos an. Der sprach ja Englisch, das konnte sie nicht verstehen. Aber Mama konnte es und übersetzte:
„Er ist sehr glücklich, dass du sein Buch gefunden hast“, sagt er.
„Oh, sorry! Ich war so aufgeregt, dass ich ganz vergessen hatte, dass ich ja hier in Deutschland bin. Danke, Kleine, dass du das Buch mitgenommen hast. Es ist sehr wichtig für mich, denn all meine Termine stehen da drin und auch sonst noch viele Dinge, die ich sonst vergessen hätte.“
Meret war sehr stolz, dass sie so viel Lob bekam. Dann zog Mr. Thomson einen Fünf-Euro-Schein aus seiner Tasche und eine Tafel Schokolade.
„Das ist für dich, ein kleines Dankeschön!“, sagte er und verabschiedete sich. Meret bleib in der Haustür stehen, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte.
„Dann hat Papa ja doch Recht gehabt“, schmunzelte sie und erzählte Mama die ganze Geschichte. Frau Fischer lachte und nahm Meret in den Arm.
„Siehst du, dann hast du ja jetzt verstanden, wie Papa es meinte. Man muss nur die Augen offen halten und hinschauen, dann kann man viele Dinge finden. Du hast Mr. Thomson glücklich gemacht und einen Lohn hast du auch noch bekommen.
„Morgen suche ich weiter!“, beschloss Meret und steckte den Geldschein in die Spardose.

© Regina Meier zu Verl

 

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