Großvaters Schreibtisch

Als der Großvater vor vielen Jahren gestorben war, hatte Vera seinen Schreibtisch geerbt. Damals war sie noch Schülerin gewesen. Sie hatte darauf bestanden, dass der Tisch in ihrem Zimmer, das eigentlich viel zu eng dafür war, aufgestellt wurde. Von da an hatte sie ihre Hausaufgaben immer in ihrem Zimmer erledigt und sie hatte das Gefühl, dass ihr Großvater ihr dabei über die Schulter schaute.
Wenn Vera Besuch von ihren Freundinnen bekam, lästerten diese gern über das klobige, altmoderne Möbelstück, das sich dem Rest der Einrichtung so gar nicht anpassen wollte. Vera hatte dann gelacht.
„Er ist wie mein Opa, immer ein wenig anders als die anderen!“, hatte sie verkündet und genau so hatte sie es auch gemeint. Opa war außergewöhnlich gewesen, in Veras Augen ein toller Mann, klug und warmherzig, aber auch streng und manchmal sogar ein wenig unnahbar.
Vera liebte ihn und er liebte sie. Von allen Enkelkindern war sie diejenige gewesen, die ihm am nächsten stand. Manchmal hatte ihr das böse Worte von den Geschwistern und Cousinen eingebracht.
„Der Alte hat einen Narren an dir gefressen!“, behaupteten sie, aber Vera war das egal. Sollten sie doch reden.
Später zog Vera in eine kleine Wohnung, ihr erstes eigenes Heim in der Nähe ihrer Ausbildungsfirma. Dort hatte der Schreibtisch keinen Platz, erst als Vera mit ihrem Ehemann Peter ein Haus gemietet hatte, konnte sie ihn wieder aufstellen. Er bekam einen Ehrenplatz im Wohnzimmer und wie früher, als der Großvater noch gelebt hatte, schmückte ihn eine gelbe Rose in einer Messingvase. Diese Vase stand auf einem Wolkendeckchen, das die Oma gehäkelt hatte.
„Der liebliche Duft der Rosen ist für mich das, was für den guten alten Schiller die Äpfel waren“, hatte der Großvater ihr erklärt und ihr die Geschichte, die dahintersteckte, gleich erzählt. Der Geruch von faulenden, modernden Äpfeln habe Schiller inspiriert. Überall in den Schubladen haben diese Früchte gelegen. Man erzählte sich wohl, dass Schiller möglicherweise auch wegen seiner Atemerkrankung Linderung durch den Duft erfahren haben könnte.
Das konnte Vera sich nicht vorstellen und sie war froh, dass es beim Großvater die Rosen waren, die ihn zu Gedichten inspirierten. Das empfand sie wesentlich angenehmer und sie führte diese Tradition gerne fort. Wann immer sie in ihre alte Heimat kam, trug sie eine gelbe Rose zum Grab des Großvaters.
Liebevoll strich Vera über das Holz der Schreibtischplatte. Sie saß vor ihrem leeren Buch und wollte mit dem Schreiben beginnen, ihre Gedanken waren zurückgewandert in die Zeit, als sie noch ein Kind gewesen war. Sie lächelte und schraubt den alten Füller wieder zu.

„Morgen ist auch noch ein Tag“, dachte sie und schnupperte an der Rose.

© Regina Meier zu Verl

 

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