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Die Frühlingsbotin
Der Besuch der Möwe – Frühlingserzählung

Alberta weiß nicht, wann sie damit aufgehört hat, den Frühling zu mögen. Es ist schon eine Weile her. Seit fünf Jahren? Zehn? Fünfzehn oder noch länger? Zu hell ist er ihr, zu aufdringlich und anbiedernd, und er kommt mit einer Fröhlichkeit daher, die mit Lügen garniert ist. Viele kleine, dunkle Lügenpunkte im bunt getupften Frühlingsgewand. Bei all diesen Lügereien mag sie sich nicht mehr beteiligen. Sie gibt nicht mehr vor, fröhlich und gut gelaunt zu sein, bloß weil die Sonne nun länger scheint und Blumen vor einem kitschig blauem Himmel eine verschwenderische Leichtigkeit simulieren, die sie ehrlichen Herzens nicht wahrzunehmen vermag.
Nein, Alberta macht bei diesem Spiel nicht mehr mit und seither kann sie besser mit dieser schrillen lauten Jahreszeit umgehen. Oder doch nicht? Auch das Ehrliche kann in Worten lügen. Sie kennt das schon.
Auch heute wollen Zweifel ihre wohl errichtete Schutzhütte wieder ebenso durchlässig machen wie die Strahlen der noch tief liegenden Sonne. Sie sitzt am Schreibtisch und schreibt einen Brief. Das heißt, sie versucht, diesen verdammten Brief, deren Worte und Sätze sich nicht formulieren lassen wollen, endlich zu Papier zu bringen. Das Licht, das von der Balkontür her in den Raum dringt, blendet sie ähnlich grell wie die Worte, die nicht aus ihrem Herzen kommen können.
„Verschwinde!“ Mit einer vergeblichen Handbewegung versucht sie, das Licht von der Schreibfläche wegzuwischen. Sie weiß, dass ihr das nicht gelingen wird, und dennoch versucht sie es immer wieder. Ein Reflex, der sich nicht bändigen lassen will.
„Verdammter Frühling!“
Sie hat heute kein Kraft für dieses lockende Frühlingslicht. Mit einem Fluch steht sie auf und macht sich an der Jalousie zu schaffen, um den Frühling auszusperren. So viel Macht über ihn hat sie gerade noch. Aber nicht mehr.
Als sie die Balkontür schließen will, sieht sie den weißen Vogel. Elegant balanciert er auf der Balkonbrüstung und schreit ihr seine Worte zu.
Alberta erschrickt. Möwen schreien. Was aber hat eine Möwe auf ihrem Balkon zu suchen? Das Meer ist weit. Ob sich das Tier vom Fluss her zu ihr verirrt hat? Ein Trick des Frühlings, um sie nach draußen zu locken?
„Wie ein Frühlingsbote siehst du nicht aus. Dein Gesang klingt auch nicht danach. Ach was, ihr Möwen könnt gar nicht singen. Schreihälse seid ihr. Übellaunige, misslaunige Schreihälse. Sag, woher kommst du, du Reisevogel?“, flüstert sie der Möwe zu.
Die schreit ihr ihre Antwort zu und die klingt wahrlich nicht frühlingslockend.
Alberta lacht. Möwen hat sie eigentlich schon immer geliebt. Sie sind ehrliche Vögel.
Und ihr ist, als lache ihr weiß-gefiederter Gast nun auch. Vielleicht ist sie eine Lachmöwe? Ein Geschenk des Frühlings gegen ihre stumme Traurigkeit?

© Elke Bräunling


Die „Frühlingsbotin“, Bildquelle © MadameCat-Art/pixabay

 

Romantic, Musik von Paul Walter