Schlagwörter

, , , ,

Engelsmusik

Es war an einem Sonntag. Die Sonne, die den ganzen Tag herrlich warm vom Himmel gelacht hatte, war schon untergegangen. Der Junge hatte von dem wunderbaren Sommertag nicht viel gesehen, denn er saß am Bett seines kranken Vaters, kĂŒhlte ihm die Stirn und erzĂ€hlte ihm Geschichten.

„Mein lieber Sohn“ sprach der Vater und es kostete ihn einige MĂŒhe „wir werden uns wiedersehen, das verspreche ich dir.“
Dem Jungen traten TrÀnen in die Augen, denn er wusste, dass er soeben die letzten Worte seines Vaters vernommen hatte.
„Vater, lieber Vater, ich wollte dir doch noch so viel erzĂ€hlen. Bitte bleibe bei mir.“
Doch der Vater hörte ihn nicht mehr. Der Tod hatte ihn zu sich in sein Reich geholt. Der Sohn legte seinen Kopf auf den noch warmen Leib des Verstorbenen und ließ seinen TrĂ€nen freien Lauf.
Nachdem eine Stunde vergangen war, erhob er sich, holte eine Schale mit warmem Wasser und weiße LeinentĂŒcher. Er wusch den toten Vater und trocknete sorgfĂ€ltig sein Gesicht. Er kĂ€mmte ihm das volle Haar und richtete sein Lager. Dann holte er sieben Kerzen aus der Kommode und stellte sie in den goldenen Leuchter, der sieben Kerzenhalter hatte.
Er zĂŒndete ein Streichholz und sprach, wĂ€hrend er eine Kerze nach der anderen entflammte:
„Der Vater, der Sohn, der Heilige Geist, die Liebe, die Hoffnung, der Glaube und die Auferstehung.“
So hatte der Vater ihm aufgetragen zu sprechen und er war ein gehorsamer Sohn. Kaum hatte er die siebente Kerze entzĂŒndet, wurde das Zimmer in ein helles Licht getaucht. Der Junge bedeckte das Gesicht mit den HĂ€nden, wie sein Vater ihn geheißen hatte. Sein Herz schlug wild vor Angst, er glaubte, das Klopfen zu hören, doch es waren Schritte, die ĂŒber den Holzfußboden polterten.
Bum-bum-bum-bum
 der Junge wagte kaum zu atmen.
„Das ist der Tod“, dachte er, „er bringt ihn mir zurĂŒck.“
Nach einer Weile hörte er keine GerÀusche mehr und nahm die HÀnde herunter.
Er öffnete die Augen und blickte auf seinen Vater, dessen Gesicht einen anderen Ausdruck angenommen hatte. Ein seliges LĂ€cheln lag auf seinen Lippen und seine Augen waren geschlossen. Er sah aus, als schlafe er. Über seinem Kopf lag ein weißer Nebel, der sich wie kleine Wellen bewegte.
„Das ist das Zeichen, das mir mein Vater vorausgesagt hat. Lieber Gott, ich danke dir.“

Einige Tage, nachdem man den Mann zu Grabe getragen hatte, machte der Junge seinen tĂ€glichen Besuch auf dem Friedhof, der direkt hinter der kleinen Kapelle lag. Es war ein wunderbarer Ort der Ruhe, viele alte BĂ€ume spendeten ihren Schatten. Es sah so aus, als wachten sie mit ihren ausgebreiteten Ästen ĂŒber die GrĂ€ber. Viele Stunden hatte der Junge hier verbracht, seitdem der Körper seines Vaters beigesetzt worden war. Er war nur noch ein wenig traurig, denn er wusste ja, dass es ein Leben nach dem Tode gab. Er hatte den weißen Nebel gesehen, der, wie der Vater ihm erklĂ€rt hatte, die Seele des Verstorbenen war.
An diesem Tage hörte der Junge eine sonderbare Musik. Sie kam nicht aus der Kapelle und auch nicht vom Dorfe her. Nein, eine solche Musik hatte er noch nie gehört. Ganz leise, liebliche Töne streiften sein Ohr. Es waren keine Instrumente, sondern Stimmen, die da sangen, doch so sehr sich der Junge auch bemĂŒhte, nur ein einziges Wort zu verstehen, es gelang ihm nicht.
Der Junge kniete am Grab seiner Eltern nieder und fragte leise: „Hörst du das, Vater?“
ZunĂ€chst geschah nichts, doch plötzlich fĂŒhlte der Junge die Anwesenheit eines anderen Menschen. Erschreckt blickte er sich um, sah aber nichts.
„Du kannst mich nicht sehen, Junge. Ich bin hier neben dir, doch ich besitze keinen Körper mehr. Hab keine Angst, ich werde immer an deiner Seite sein.“
„Vater, ich kann dich hören. O Vater, es stimmt, was du mir gesagt hast. Ich bin so glĂŒcklich, aber ich bin auch so allein. Niemand bereitet mir ein Mahl zu, niemand weckt mich am Morgen auf, niemand gibt mir einen Kuss zur Nacht.“
Der Junge weinte bitterlich, doch dann horchte er erneut. Die liebliche Stimme sang eine bezaubernde Melodie.
„Ach, könnte ich immer so schöne Musik hören.“ SehnsĂŒchtig streckte der Junge die Arme in die Richtung, aus der er glaubte, die Stimme zu hören.
„Vater, ist das ein Engel, der da singt? Bitte, Vater, ich muss es wissen.“ Doch er erhielt keine Antwort und auch die Musik entfernte sich immer mehr.
Der Junge sah, dass der Pfarrer aus der Kirche gekommen war und jetzt direkt auf ihn zukam. Sicher waren die Stimmen deshalb verschwunden, dachte er.
„GrĂŒĂŸ Gott, mein Sohn“, sagte der Geistliche. „So ist es recht, du besuchst das Grab deiner Eltern.“
„Ja, HochwĂŒrden“, antwortete der Junge. „Hier bin ich ihnen am nĂ€chsten.“
Mit einem LÀcheln auf den Lippen ging der Gottesmann weiter des Weges. Der Junge wartete darauf, dass die wunderschöne Musik wieder zu hören war, doch es tat sich nichts.
„Ich will nach Hause gehen und morgen wieder hierher kommen.“, dachte er und ging heim.
In der Nacht trÀumte er wieder von seinem Vater. Er stand an einem geheimnisvollen Platz auf einer Waldlichtung, die in Sonnenlicht getaucht war. Um ihn herum waren viele Gestalten, deren Körper transparent waren und die sich leise miteinander unterhielten. Der Vater sprach mit einer jungen Frau und hielt deren Hand. Der Junge sah das alles wie auf einer Leinwand, doch als die beiden sich ihm zuwandten bemerkte er, dass auch sie ihn sahen. Die wunderschöne Frau lÀchelte ihn an und begann dann zu singen. Ihr Gesang war es, den er heute auf dem Friedhof gehört hatte und plötzlich wusste der Junge, wer diese Frau war. Es war seine Mutter, die schon bei seiner Geburt gestorben war.
„Mein liebes Kind, endlich kannst du mich sehen. Ich war die ganzen Jahre bei dir und habe dich aufwachsen sehen. Dein Vater ist jetzt hier bei mir. Wir wĂ€ren gern bei dir, aber wir sind auch sehr glĂŒcklich, dass wir wieder vereint sind.“
Der Junge streckte seine Arme nach seinen Eltern aus, doch er konnte sie nicht berĂŒhren.
„Mama, Papa, ich möchte zu euch kommen!“, rief er verzweifelt und
„Lieber Gott, lass mich sterben, damit ich bei ihnen sein kann.“
Die Mutter schĂŒttelte sanft den Kopf und lĂ€chelte.
„Nein, mein Sohn. Du musst leben, fĂŒr deinen Vater und fĂŒr mich, denn durch dich leben wir weiter. Wir sind immer bei dir, darauf kannst du dich verlassen. Es kann sein, dass du uns mal nicht wahrnehmen kannst, spĂ€ter, wenn du erwachsen sein wirst. Dann denk an diesen Traum zurĂŒck und sei gewiss, dass alles wahr ist, was ich dir sage. Erwachsene verlieren manchmal den Sinn fĂŒr das Wesentliche. Bewahr dir dein Kindsein, solange du kannst. Wir werden dir dabei zur Seite stehen.“

Als der Junge erwachte, war er sehr traurig. Er hatte seine Mutter gesehen und er wusste, dass es nicht nur ein Traum war. So gern wÀre er bei ihr und seinem Vater gewesen, aber die Mutter hatte ihm erklÀrt, welches seine Bestimmung auf Erden war.
Er wuchs heran, wurde erwachsen und dachte jeden Tag an seine Eltern. Liebevoll pflegte er deren Grab und oft waren sie ihm ganz nah. Schon frĂŒh entdeckte er, dass er eine besondere Gabe besaß. Er konnte Lieder aufschreiben, die ihm seine Mutter im Traum sang. Vielen Menschen konnte er damit Freude geben und Trost spenden.

Heute ist er ein alter Mann mit weißem Haar und obwohl ihm das Gehen MĂŒhe bereitet, schleppt er sich noch jeden Tag zu der kleinen Kapelle am Friedhof. Dort spielt er die Orgel und es klingt wie wahre Engelsmusik.

© Regina Meier zu Verl

organ-1405988_1280

Bildquelle kmckaskle/pixabay

Magst du den Blog 'Geschichtensammlung' abonnieren?