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Aus den Augen verloren

Birgit ist Beates beste Freundin. Die beiden Mädchen sind seit der Kindergartenzeit ein Herz und eine Seele. Jeden Nachmittag verbringen sie miteinander und ihre Mütter, die ebenfalls befreundet sind, fördern das gern.
Manchmal darf auch die eine bei der anderen übernachten. Das sind dann ganz besondere Tage für die Freundinnen. Mittlerweile sind sie in der vierten Klasse und sie wissen, dass sich zumindest ihre Schulwege nun bald trennen werden. Birgit wird zum Gymnasium gehen und Beate zur Realschule.
„Das macht nichts, wir treffen uns nachmittags und alles bleibt, wie es ist!“, behauptet Birgit gern. Sie glaubt fest daran, dass es so sein wird.
Beate ist skeptisch. Sie vertraut der Freundin, aber ihre Mutter hat gesagt, dass es ganz natürlich ist, dass jede von ihnen auch andere Freunde finden wird.
„Bis zu den Sommerferien sind es noch ein paar Wochen. Wir wollen uns das Leben nicht schon jetzt schwermachen“, schlägt Birgit vor. „Lass uns überlegen, wie wir das nächste Wochenende verbringen, dann bist du doch bei uns, weil deine Eltern verreisen!“
Ein Lächeln zeigt sich auf Beates eben noch besorgtem Gesicht. Ja, das Wochenende, das wird schön werden, denkt sie und schiebt die Schatten zur Seite.
„Wollen wir an unserer Geschichte weiterschreiben?“, fragt Birgit jetzt und Beate ist gleich Feuer und Flamme.
„Wir könnten schon ein paar Gedanken notieren und ab Samstag schreiben wir dann weiter!“
So machen sie es. Beate diktiert, Birgit schreibt.
„Du hast so eine tolle Handschrift“, lobt Beate die Freundin. Die wehrt ab.
„Deine ist genauso schön!“ Birgit lacht und nimmt Beate in den Arm. „Wir beide sind ein tolles Team, oder?“
„Ja, das sind wir und es soll immer so bleiben.“
Dann überlegen sie, was sie mit der fertigen Geschichte machen wollen, immerhin haben sie schon fast hundert Seiten in ihr Schulheft geschrieben.
„Wir schicken sie an einen Verlag und dann wird ein Buch draus gemacht und das verkaufen wir dann und schwups, sind wir reich!“, meint Beate und Birgit steigt in die Träumerei mit ein.
„Ja, genau und dann kaufen wir uns ein Haus am Meer und machen den ganzen Tag nichts anderes als schreiben, denken, schwimmen und Eis essen.“
„Und wir werden uns auf keinen Fall abweisen lassen. Wenn uns einer nicht will, dann hat er Pech gehabt und der nächste nimmt uns.“
Am folgenden Wochenende schreiben die Freundinnen gleich zwei neue Kapitel und sie sind sehr zufrieden mit ihrem Werk. Abends im Bett lesen sie sich gegenseitig aus ihrem Manuskript vor und markieren Stellen, die noch holprig klingen. Es wird eine Internatsgeschichte, so eine wie die von Hanni und Nanni. Diese Bücher lieben beide Mädchen über alles.
„Wenn wir fertig sind, schreiben wir die Geschichte noch einmal ab, damit jede von uns ein Exemplar hat“, schlägt Birgit vor und Beate nickt anerkennend. Ihre Freundin denkt eben an alles, das ist gut so.

25 Jahre später …

Beate Jäger faltet Umzugskartons. In vier Wochen will sie mit ihrem Mann und den Kindern aufs Land ziehen. Sie haben dort ein kleines Bauernhaus gekauft.
Es gibt noch viel zu tun. Beate nutzt die Zeit, in der die Familie aus dem Haus ist. Ihr bleiben einige Stunden, bis sie die Zwillinge von der Schule abholen wird.
Nach und nach verschwinden die Bücher aus den Regalen und landen in den Pappkisten. Bei der Gelegenheit wird sortiert, doch von kaum einem Buch mag sich Beate trennen. Liebevoll staubt sie die Buchrücken ab und immer wieder nimmt sie eines zur Hand und blättert darin. Erinnerungen werden wach. Im gleichen Moment, als sie an ihre alte Freundin Birgit denkt, hält sie eine bunte Kladde in der Hand. ‚Bea und Biggi im Internat’ steht auf dem Einband. Das hat Birgit geschrieben damals, als sie sich versprochen haben, sich niemals aus den Augen zu verlieren.
So lange war das her, irgendwann war der Kontakt abgerissen. Beate weiß nicht mehr, wann sie Birgit das letzte Mal gesehen hat. Vielleicht war es auf dem Abiball? Birgit hatte sie damals eingeladen. Danach war sie nach Göttingen gegangen und hatte dort studiert. Einmal kam eine Karte, danach war dann Funkstille. Beate selbst hatte nach dem Schulabschluss eine Banklehre gemacht. Ihren Mann hatte sie in der Bank kennengelernt und schon bald geheiratet.
Beate zieht ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und schnäuzt sich die Nase. Dann beginnt sie zu lesen. Sie lacht und weint bei der Lektüre ihres handschriftlichen Buches. Immer wieder sieht sie Birgit vor sich und es fühlt sich so an, als säße sie neben ihr.
Als sie zu Ende gelesen hat, steht Beate entschlossen aus. Sie ruft ihre Mutter an.
„Mutti, weißt du eigentlich, wo die Birgit jetzt wohnt?“
„Nein, das weiß ich nicht, ihre Eltern wohnen ja auch nicht mehr hier und so habe ich lange nichts mehr von ihr gehört. Monika meldet sich aber auch nicht bei mir – aus den Augen, aus dem Sinn!“, antwortet die Mutter.
„Dann haben wir wohl beide unsere besten Freundinnen aus den Augen verloren. Wollen wir das jetzt ändern?“, fragt Beate und ihre Mutter ist sofort einverstanden.
„Oh ja, lass uns das machen! Ich rufe Monika an und dann melde ich mich wieder bei dir. Sie wird mir sicher eine Anschrift oder Telefonnummer ihrer Tochter geben.“

Beate und Birgit sind nun wieder in regem Austausch miteinander. Sie planen, das Buch ihrer Jugendzeit zu überarbeiten und es dann drucken zu lassen. Vielleicht nur zwei Exemplare, das wissen sie aber noch nicht so genau.

© Regina Meier zu Verl

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