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Abwarten und Zeitung lesen

Die Webers ziehen um

Leise unterhalten sich die Eltern. Die Kinder sollen nicht mitbekommen, worum es geht.
„Sie werden enttäuscht sein. Das lässt sich wohl nicht vermeiden!“, sagt die Mutter.
„Es gibt keine andere Chance, ich muss diese Stelle annehmen. Eine solche Gelegenheit wird sich nicht wieder bieten und ich bin es wirklich leid zu kämpfen und jeden Cent dreimal umdrehen zu müssen!“
Der Vater hat ein Stellenangebot bekommen. Dafür muss die Familie aber umziehen.
„Ohne euch macht es keinen Sinn für mich und es ist einfach zu weit, um jedes Wochenende hierher zu fahren. Dreihundert Kilometer! Das will ich nicht!“
Die Mutter möchte das auch nicht, die Kinder sind einfach noch zu klein. Sie brauchen Mutter und Vater. Es ist ihr klar, dass sich vieles nun verändern wird. Aber so, wie es in den letzten sechs Monaten war, kann es ja auch nicht weitergehen. Mit der Situation sind alle unzufrieden.
„Wann fährst du, um den Vertrag zu unterschreiben?“, fragt sie und schlägt vor, dass sie und die Kinder doch mitfahren könnten, um sich das Städtchen einmal anzuschauen.
„Vielleicht ist es ja so nett dort, dass wir uns auf Anhieb wohlfühlen!“ Sie versucht immer, alles von der positiven Seite her zu betrachten. Vieles gelingt dann einfach besser.
„Es ist sehr ländlich dort, aber schön“, Vater ist am Anfang der Woche zum Vorstellungsgespräch schon dagewesen. Gerade eben hat der Personalchef angerufen und ihm mitgeteilt, dass man sich unter vielen Bewerbern für ihn entschieden habe. Natürlich freut er sich, das ist klar. Wäre da nicht dieses große Aber.
„Okay, wir fahren alle hin am Freitag. Dann können wir es auch den Kindern erzählen. Sie lieben Ausflüge und werden guter Stimmung sein, die beste Voraussetzung für Neuigkeiten. Um die Zwillinge mache ich mir weniger Sorgen. Schwieriger wird es für Simon werden, wo er doch gerade erst eingeschult wurde.“
„Daran habe ich auch schon gedacht. Aber auch die Mädchen haben bereits ihre Freundinnen im Kindergarten. Das wird sicher Tränen geben.“
Am Freitag ist es dann so weit. Die Familie Weber, ausgerüstet mit einem Picknickkorb und in allerbester Laune, fährt in die Stadt, die ihre neue Heimat werden wird. Die Kinder thronen in ihren Sitzen auf der Rückbank. Simon hat seine lilafarbenen Kopfhörer im Ohr und für die Mädchen läuft eine Märchen-CD im Autoradio. Simon meint, dass er schon viel zu groß für Märchen ist. Dass er plötzlich seinen Walkman leiser dreht, und einen Kopfhörer heimlich aus dem Ohr nimmt, merkt niemand. Das wäre ihm doch zu peinlich gewesen. So aber lauscht er dem schönen Märchen von dem Jungen Pedro, der nur mit einer Dose Schuhcreme, einer Bürste und einem weichen Lappen sein Glück in der großen weiten Welt gefunden hat. Er summt sogar leise mit, wenn die Melodie wieder erklingt, die der kleine Schuhputzer immer singt, wenn er einem Fremden die Schuhe auf Hochglanz poliert. Auch die Zwillinge klatschen begeistert in die Hände und immer wenn die Stelle kommt, wo es heißt „Eins, zwei, drei, blitzblank im Nu ist der feine Lederschuh“, dann singen alle laut mit, Mama auch und Papa lacht aus vollem Herzen. So fröhlich waren sie alle schon lange nicht mehr unterwegs.
„Was haltet ihr davon, wenn wir unser Glück auch in der weiten Welt suchen, so wie der kleine Pedro?“, fragt Mama und dreht sich gespannt zu den Kindern um.
„Sollen wir etwa auch Schuhe putzen?“, fragt Simon.
Nun ist es an der Zeit, den Kindern den Sinn der Reise zu erklären. Papa steuert den nächsten Parkplatz an und bevor all die leckeren Sachen aus dem Picknickkorb verspeist werden, erzählt Papa von seiner neuen Arbeit.
„Wir suchen uns eine schöne Wohnung oder vielleicht ein kleines Haus mit Garten, in dem wir dann wohnen werden. Wie findet ihr das?“
Simon überlegt. Die Zwillinge haben nur die Pfannkuchen im Sinn, so richtig haben sie noch nicht verstanden, um was es eigentlich geht. Für sie ist erstmal wichtig, dass Mama dick Schokocreme auf die Pfannkuchen streicht, sie dann aufrollt und den Mädchen je einen in die Hand drückt. Mmh, sind die lecker!
„Und was ist mit Oma?“, fragt Simon plötzlich. Wenn er drüber nachdenkt, dass Oma dann ganz allein ist und er sie gar nicht besuchen kann, dann drückt das im Bauch und wenn es im Bauch drückt, dann dauert es auch gar nicht lang, bis die Tränen rollen.
Mama Weber schaut ihren Sohn bestürzt an. Dass sie daran noch gar nicht gedacht hat! Sie schämt sich. Aber als Papa sagt:
„Die nehmen wir einfach mit!“, wird ihr ganz warm vor Freude. Das Leben ist gar nicht so kompliziert, wie es sich manchmal anfühlt, denkt sie und nimmt einen Schluck Kaffee.
„Klar, so machen wir das!“, sagt sie.
„Eins, zwei, drei, das ist der Hit, kommt die Oma einfach mit!“, singt Simon und alle stimmen ein.
Nun müssen sie nur noch die Oma fragen, ein schönes Häuschen finden und dann kann es losgehen.
Wie es mit den Webers weitergeht, das ist dann schon wieder eine andere Geschichte.

© Regina Meier zu Verl