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Der Nikolaus im Park

Einmal traf Opa Meier den Nikolaus. Es war im Park und Opa Meier hatte sich verspätet. Es war fast dunkel, als er das Parkcafé verließ und die Abkürzung durch den Ostpark nahm. Hier waren um diese Zeit nur wenige Leute unterwegs. Aber wenn man es eilig hatte wie Opa Meier, fegte man Gedanken an unwillkommene Begegnungen im Dunkel gerne erst einmal von sich. Und der Nikolaus war so etwas wie eine unwillkommene Begegnung. Aber wie das so ist mit Dingen und eben auch Begegnungen: Wenn sie nicht erwünscht sind, ist die Gefahr, ihnen ins Auge blicken zu müssen, ungleich größer. Und so war es auch jetzt.
Plötzlich musste Opa Meier dem Nikolaus in die Augen blicken. Der fromme Mann lag nämlich bei der großen Kurze auf dem Weg zum Osttor mitten auf dem Weg.
„Um Himmels willen!“ Erschrocken lief Opa Meier auf den Heiligen zu. „Was ist passiert? Sind Sie verletzt? Haben Sie Schmerzen?“
Der Nikolaus hob den Kopf und sah ihn mit ebenso erschrockenen Augen an. Er schwieg.
„Soll ich Hilfe rufen?“
Der Nikolaus schüttelte den Kopf. Nein, keine Hilfe. Bloß nicht.
Opa Meier spürte, wie sein Herz immer schneller schlug. Was konnte er tun? Er fasste den Nikolaus an der Schulter. „Darf ich Ihnen aufhelfen?“
Der Heilige nickte. Er streckte Opa beide Hände entgegen und der versuchte, ihn hochzuziehen. Nein, so ging das nicht. Der gute Mann war zu schwer.
Prüfend sah Opa Meier ihn an. Er sah sehr gut genährt aus. Man konnte fast sagen, er war mollig. Nein, dick. Sehr dick sogar. Einen heiligen Mann hatte Opa Meier sich irgendwie anders vorgestellt. Aber egal. Wichtig war, dass er nicht länger auf dem kalten, harten Boden lag
„So funktioniert das nicht“, brummte er. „Ich packe Sie von hinten unter den Armen und zähle auf Drei. Dann versuchen wir es gemeinsam. Einverstanden?“
Der Nikolaus nickte und Opa Meier zählte auf Drei. Er musste mehrmals zählen und stemmen und ziehen, dann, endlich stand er wieder, der Nikolaus, groß und prächtig vor Opa Meier. Nein, nicht groß und prächtig. Eher klein und rund und … und wenn er es nicht genauer wusste, hätte Opa Meier gemeint, Nachbar Hubermann stünde vor ihm. Aber nein. Nicht der ewig schlecht gelaunte Kinderschreck Hubermann. Der passte eher in das Kostüm des Knecht Ruprechts und … Nein, darüber mochte Opa Meier erst gar nicht mehr nachdenken.
„Geht es besser?“, fragte er daher nur.
Der Nikolaus nickte.
„Kann ich Ihnen noch irgendwie helfen?“
Der Nikolaus schüttelte den Kopf und Opa Meier atmete auf.
„Dann… dann gehe ich mal weiter“, sagte er und der Nikolaus nickte wieder.
Konnte der denn nicht reden? Hatte er seine Stimme verloren?
Opa Meier schüttelte leicht verstimmt den Kopf und machte sich wieder auf den Weg. Als er um die nächste Kurve gebogen war, hörte er jemanden schimpfen. Eine griesgrämige, sehr wütende Männerstimme, die die Eichhörnchen im Park und den Schnee und die Dunkelheit anbellte. Sie klang nach Nachbar Hubermann, diese Stimme.
Opa Meier beeilte sich. Von Nikoläusen hatte er für heute die Nase voll.

© Elke Bräunling

Nikolaustage, Bildquelle © dassel/pixabay