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Annelie und ich
Ich setzte das letzte Wort unter meine Geschichte. Ende! Zufrieden blickte ich auf die Seitenzahl. Zweihundertzwanzig Seiten, ein umfangreiches Manuskript war es geworden. Klar, nach der Überarbeitung wĂŒrde es etwas schlanker werden. Doch im Moment war ich erstmal glĂŒcklich, dass ich durchgehalten hatte.
Lange hatte ich davon getrĂ€umt, diese Geschichte endlich aufschreiben zu können. Stets hatte mich etwas davon abgehalten oder der richtige Zeitpunkt war einfach noch nicht gekommen. Ich hatte mir dieses GefĂŒhl ersehnt und genauso vorgestellt. Es war einfach wunderbar.
Nachdenklich drehte ich das Glas in den HĂ€nden, das ich mir zur Feier des Abends eingeschenkt hatte. Ich dachte an den Moment in der Buchhandlung, der dazu gefĂŒhrt hatte, dass ich mich endlich an die Geschichte gemacht hatte. Ich war zu diesem Zeitpunkt auf der Suche nach einem ganz besonders schönen Buch, das ich meinem Patenkind schenken wollte. In der gemĂŒtlichen Leseinsel hatte ich es mir bequem gemacht, als ein kleines MĂ€dchen mich am Arm zupfte.
„Kannst du mir vorlesen?“, fragte das Kind und schaute mich erwartungsvoll an.
„Sicher, das kann ich, aber bist du denn ganz allein hier? Wo ist deine Mutter?“, fragte ich. Das Kind deutete nach oben.
„Mama ist da oben. Mir ist aber so langweilig und lesen kann ich noch nicht!“
In der oberen Abteilung der Buchhandlung befanden sich die wissenschaftlichen BĂŒcher, sicher suchte die Mutter dort nach einem Werk und hatte das MĂ€dchen in die Kinderbuchabteilung geschickt.
„Also gut, dann lese ich dir vor!“, willigte ich ein. „Was möchtest du hören?“
„Etwas, das ich noch nicht kenne!“
Das war aber nicht so einfach, wie sich schnell herausstellte. Das Kind kannte alle BĂŒcher, die ich vorschlug.
„Dann such du doch etwas aus und bring es mir, dann lese ich fĂŒr dich!“ Die Kleine zögerte, bevor sie fragte:
„Kannst du auch einfach so erzĂ€hlen? Etwas ganz Neues, das ich noch nie gehört habe?“
Ich lachte. Das Kind war eine Herausforderung, oder sah man mir etwa an, dass sie selbst Geschichten schrieb?
„Kann ich auch, aber zuerst möchte ich wissen wie du heißt!“
„Ich heiße Annelie“, die Kleine stand auf und machte einen Knicks, ganz so, wie die Kinder das frĂŒher gelernt hatten, wenn sie Erwachsene begrĂŒĂŸten.
„Also gut, Annelie, dann erzĂ€hle ich dir jetzt von einer Geschichte, die noch gar nicht geschrieben ist und schon ganz lange in meinem Kopf wohnt.“
Die Augen des Kindes strahlten. Vertrauensvoll kuschelte sich Annelie an mich. Ich erzĂ€hlte ihr vom Gasthaus Zum Paradeiser, in dem die kleine Annelie ihren Teddy Franz vergessen hatte und wie sie sich ganz allein auf den Weg machte, um ihn zurĂŒckzuholen. Es war eine lange Geschichte mit vielen spannenden Abenteuern.
Irgendwann waren alle Besucher der Buchhandlung gegangen und der Besitzer kam in die Leseinsel.
„Na, Annelie, hast du wieder jemanden gefunden, der dir vorliest?“, fragte er.
Das Kind drĂŒckte mir einen Kuss auf die Wange.
„Ja, Papa. So eine schöne Geschichte habe ich lange nicht gehört!“
„Leider mĂŒssen wir jetzt nach Hause, Oma wartet mit dem Abendessen. Ihnen danke ich sehr, dass Sie fĂŒr meine Tochter da waren. Nachmittags nehme ich sie immer mit hierher, da ist sie gut aufgehoben und manchmal begegnet sie lieben Menschen wie Ihnen, die ihr vorlesen.“
Ich ahnte in diesem Moment, dass Annelie, als sie nach oben deutete und sagte, dass ihre Mutter da oben sei, den Himmel meinte. Das stimmte auch. Das habe ich aber viel spÀter erfahren, denn von da an ging ich jede Woche in die Buchhandlung und erzÀhlte meine Geschichte weiter.
Jetzt habe ich sie auch zu Papier gebracht und sobald sie ĂŒberarbeitet und gedruckt ist, werde ich sie Annelie schenken.

© Regina Meier zu Verl