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Vollmondlaunen

„Dunkel war’s, der Mond schien helle, als ein Auto blitzeschnelle langsam um die Ecke fuhr. Innen drin, da saßen Leute schweigend ins Gespräch vertieft, als ein totgeschossener Hase auf der Sandbank …“
„Halt! Hör auf mit dem Unsinn! Ich kann das Wort ‚Mond‘ heute nicht mehr hören. Er hat mich die ganze Nacht geplagt und jetzt am Tag geht es mir auch nicht sehr viel besser. Ach, was bin ich nervös! Und irgendwie völlig durch den Wind. Ich …“
Tante Hilde klagte und jammerte … und wir konnten nicht anders: Wir mussten lachen.
Jeden Monat zur Vollmondzeit begann für unsere Großtante der Ausnahmezustand. Keiner von uns hatte mit dem Mond Probleme, deshalb konnten wir uns ihr Leiden auch nicht erklären. Wie ein aufgescheuchtes Huhn lief sie durch die Wohnung und klagte und war überhaupt sehr nervös. Was hatte sie nur immer?
„Was hast du nur?“, sagte Oma dann auch meist. „Du bist nicht krank. Nur mal wieder neben der Spur. Herrgott, nun reiß dich gefälligst zusammen!“
Wenn sie das sagte, lag immer ein sehr missbilligender Blick auf ihrem Gesicht. Man konnte ihren Unwillen besonders um die Nase herum sehen. Die kräuselte sich dann so witzig, wenn Tante Hilde Amok lief. Und das tat sie jeden Monat wieder vor Vollmond.
„Mir geht es gar nicht gut und ich kann auch nichts dafür!“, verteidigte sich Tante Hilde dann. „Das macht der Mond mit mir, ich habe da wohl etwas mit den Wölfen gemeinsam, die heulen bei Vollmond und sie wissen nicht, warum sie das tun, glaube ich.“
Wir lachten wieder und Timo, mein kleiner Bruder, versuchte sogleich, wie ein Wolf zu heulen. „Huiiii! Huiiiiii!“
Das klang aber nun eher nach einem geprügelten Hund und wir stimmten kichernd in das Geheule mit ein. Wer aber nun am lautesten jaulte, das waren Tante Hilde … und Oma? Nein, die lachte plötzlich lauthals los und alle Kräusel an der Nase glätteten sich. Sie sollte immer so lachen.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Wundervolle Vollmondnacht, Bildquelle Larisa-K/Pixabay