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Jonas und der Bayer

Jonas hatte die Herbstferien bei seinen Großeltern verbracht. Viel zu schnell waren die zwei Wochen vergangen. So viel hatten sie zu tun gehabt. Mit Opa hatte er den Garten winterfest gemacht, Rasen und Sträucher durch einen letzten Schnitt gepflegt. Den Strauchschnitt und das Laub hatten sie dann auf die Rosenwurzeln gelegt, um sie vor Kälte und Frost zu schützen. Das war viel Arbeit gewesen, aber es war lustig, denn zu jeder Blume oder Pflanze hatte Opa eine kleine Geschichte zu erzählen. Opas Wissen in dieser Richtung war ein wahres Schatzkästchen, das niemals leer zu sein schien.

Zur Belohnung für die harte Arbeit hatte Oma ihn ins Kino eingeladen. Mit dem Bus waren sie in die Stadt gefahren. Das war herrlich, denn Jonas war noch nie mit dem Bus gefahren. Stimmt nicht ganz, einmal waren sie von der Schule aus in den Zoo gefahren mit dem Bus. Aber das war etwas Anderes. Da waren ja nur Kinder aus seiner Klasse mitgefahren. Er musste daran denken, wie ihnen der Lehrer erklärt hatte, dass sie, nachdem sie die beschlagenen Scheiben mit allerlei Unsinn bemalt hatten und dann wieder sauber wischen mussten, durch ihre Atemluft die Scheiben zum Beschlagen gebracht hatten. Das Wasserdampfprinzip, hatte Herr Maurer gesagt, der jede Gelegenheit nutzte, um seinen Schülern die Hintergründe zu erklären. In einem unbeobachteten Moment hatte Jonas die Scheibe erneut angehaucht und ein Herz hineingemalt. J. und J. stand drin, Jonas und Julie, mehr wird an dieser Stelle nicht verraten.

Im Stadtbus aber waren die unterschiedlichsten Menschen unterwegs, das fand Jonas
interessant. Er machte sich Gedanken über jeden einzelnen von ihnen. Der Mann mit dem bayrischen Schnauzbart mit den nach oben gezwirbelten Enden vor ihm, ob der wohl tatsächlich aus Bayern kam? Jonas hätte ihn gern gefragt, traute sich aber nicht. Möglicherweise würde er ihn auch gar nicht verstehen, weil er ja kein Bayrisch konnte.
„Oma, kannst du Bayrisch?“, fragte Jonas die Oma.
„Nein, eigentlich nicht. Jedenfalls kann ich es nicht sprechen, aber verstehen kann ich das meiste! Warum fragst du?“, wollte Oma wissen.
Jonas deutete auf den Mann. „Der kommt doch bestimmt aus Bayern, oder?“
„Warum glaubst du das?“, fragte Oma und sah nun genauer hin.
„Na, der Bart sieht so aus!“
„Das heißt noch gar nichts, vielleicht mag er einfach nur einen langen Schnauzbart tragen. Das machen viele.“
„Ja, aber dieser Bart ist so nach oben gezwirbelt, das sieht man doch nicht so oft, außer in Bayern!“, wandte Jonas ein. Er hatte nämlich im Fernsehen die Eröffnung des Oktoberfestes in München gesehen und da gab es sehr viele Männer, die genau so einen Bart hatten wie der Mann vor ihnen.
Oma tippte dem fremden Mann auf die Schulter. „Entschuldigen Sie!“, sagte sie. Jonas schämte sich vorsichtshalber schon im Vorhinein. Sie würde ihn doch jetzt nicht fragen, ob er aus Bayern kommt? Das war ja megapeinlich. „Können Sie mir sagen, wie spät es ist?“, fragte Oma jetzt.
Der Mann schaute auf die Uhr und antwortete: „Gern, es ist auf die Minute genau 15.30 Uhr!“
„Danke schön!“, sagte Oma und schaute ein wenig verwirrt aus der Wäsche. „Hast ja gehört, er kommt nicht aus Bayern!“, flüsterte sie Jonas zu. „Das war reines Hochdeutsch!“
Der Mann grinste, bei so einem Zwirbelschnauzbart konnte er das kaum verbergen, der zitterte sogar ein wenig, der Bart.
Oma merkte das auch. Sie lief rot an, was Jonas lustig fand. Er konnte sich das Lachen nicht verkneifen, Oma auch nicht und der Mann konnte sich nun ebenfalls nicht mehr zusammenreißen.
Das Lachen der Drei war so ansteckend, dass nach und nach sämtliche Fahrgäste mit einstimmten. Als sich alle wieder beruhigt hatten, stand der Bärtige auf und erklärte: „Der junge Mann wollte wissen, ob ich aus Bayern komme. Er hat sich aber nicht getraut zu fragen, sondern seine Oma musste das machen. Und: was soll ich euch sagen? Sie haben recht. I bin a Boar, a waschta sogar, aba weil mi do niemand vastäd, rede i liaba Houchdeitsch, wisst ihr! Da Bua hod des richtig dakennt.
Wieder lachten alle, alles in allem war die Fahrt viel zu schnell vergangen und Jonas nahm sich vor, demnächst Bayrisch zu lernen, jo mei, wenn’s ihm Spaß macht.

© Regina Meier zu Verl

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Gamsbarthüte Foto: atimedia/pixabay