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Das neue Tagebuch

Mama hat gesagt, dass so ein Tagebuch etwas ganz Tolles ist. Man kann darin seine Gedanken ordnen, meint sie. So richtig kann ich mir das nicht vorstellen. Ich bin da noch etwas unsicher, um nicht zu sagen hilflos. Was soll ich reinschreiben? Was ist, wenn es jemand liest? Das wäre blöd, kommt aber wohl vor. Mama ist das passiert. Sie stöhnt noch heute, wenn sie davon erzählt.

„Mein Bruder, dein Onkel, hat mal das Schloss geknackt und alles gelesen. Dann hat er sich über mich lustig gemacht. Von meinen Gefühlen hatte ich damals geschrieben und wie verliebt ich in Hermann war, der in meiner Klasse der Mädchenschwarm war. Ich habe getobt und gewütet. Als ich ihm mein Tagebuch abnehmen wollte, kam es zu einem Gerangel. Heinz kämpfte und kreischte und ich war so wütend, dass irgendwie meine Faust auf seinem Auge landete. Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich das nicht gewollt hatte, aber es war passiert. Sein Auge schwoll sofort an. Er ließ das Buch fallen und rannte zu unserer Mutter. Die blieb ruhig, legte sofort einen kühlen Lappen auf sein Auge und tröstete ihn. Ich konnte nur daneben stehen, leichenblass und voll des schlechten Gewissens. Ändern konnte ich nichts mehr, aber ich entschuldigte mich bei Heinz. Ich selbst hatte nur leichte Kratzer davon getragen, aber meine Seele war verletzt. Das war schlimm. Natürlich erwartete ich ein Donnerwetter meiner Mama. Das blieb aber aus. Sie schimpfte mit Heinz und erklärte ihm, dass man so etwas niemals tun dürfte. ‚Das ist wirklich das Allerletzte, das Tagebuch deiner Schwester zu lesen‘, hatte sie gesagt. Trotzdem fühlte ich mich schuldig. Am nächsten Tag hatte er ein dunkellila Veilchen, eine Woche später war es nur noch ein Lavendelchen, danach wurde es gelb und grün und immer erinnerte mich sein Auge daran, was ich getan hatte. Das war nicht schön. Wir haben uns aber schnell wieder vertragen und er hat versprochen, nie wieder an meine Sachen zu gehen, geschweige denn mein Tagebuch zu lesen. Ich habe dann aber wochenlang nichts mehr geschrieben.“

Ja, so war das bei Mama gewesen. Eine blöde Sache, das soll mir nicht passieren. Ich werde mein Buch verstecken. Vielleicht unter dem Bettlaken und mein Bett werde ich ab sofort nur noch selbst machen. Damit niemand das Buch dort entdecken kann. Andererseits vertraue ich ja meinen Leuten, ich denke noch mal drüber nach.

So, das war mein erster Eintrag im neuen Tagebuch, kurz noch etwas zum heutigen Tag: Sonnenschein am ersten Ferientag, Taschengeld bekommen und in Süßigkeiten umgesetzt, meinen morgigen Besuch bei Oma angekündigt und zwanzig Seiten meines neuen Buches gelesen, im Internet nach einem passenden Spruch für den heutigen Tag gesucht und folgenden gefunden:

Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu …

© Regina Meier zu Verl