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Die erste Kastanie
Erzählung

„Aua, das tat weh!“ Justus hielt sich den Kopf. Wie hätte er ahnen sollen, dass es so gefährlich ist, unter einem Kastanienbaum spazieren zu gehen? Mitten auf seinen Kopf war das Stachelding gefallen. Er bückte sich und hob den Übeltäter auf. Er lag inmitten vieler weiterer glänzender Früchte.
“Oh!“ Verwundert blickte Justus auf die Kastanienfrucht. „Ist es denn schon wieder soweit? Haben wir Herbst?“
Wenn man ihn fragte, so hatte der Sommer gerade begonnen. Jedenfalls fühlte er sich noch so sommerlich, denn er war ein ‚Sommerkind‘. Aber die Kastanien, die liebte er auch. Er packte sich die Hosentaschen voll und nahm sie mit nach Hause. Die Kastanie aber, die ihm auf den Kopf gefallen war, behielt er in der Hand. Sie war für einen ganz besonderen Menschen bestimmt. Jede erste Kastanie im Jahr brachte er ebenso zu ihr wie jede erste Erdbeere, jede Kirsche, Rose, Tulpe, Fliederblüte und überhaupt von allem, was die Natur ihm schenkte, das erste zu ihr.
Zunächst aber musste er nach Hause gehen, denn so konnte er sie nicht besuchen. Mit ausgebeulten Hosentaschen und schmutzigen Händen wollte er nicht bei ihr erscheinen. Justus blickte auf die Uhr. Es war kurz vor drei, also genug Zeit, um das zu schaffen. Er bedankte sich bei der Kastanie für ihre Früchte und trat den Heimweg an.
„Na Opa, sprichst du schon mit den Bäumen?“, fragte ein Junge, der im Park mit anderen Jungen Fußball spielte. „Hast wohl keinen, mit dem du reden kannst!“
Die Kinder lachten. Justus nahm es ihnen nicht übel, auch wenn er sich nicht damit anfreunden konnte, dass sie ihn Opa nannten. Er war nicht ihr Opa und jemanden in seinem Alter einfach zu duzen, fand er respektlos. Er grüßte kurz und ging an ihnen vorbei.
Ein Kind, das etwas außerhalb der Gruppe gestanden hatte, kam auf ihn zu.
„Sie haben sich verletzt, da ist Blut an Ihrer Stirn!“, sagte der Junge.
„Ach, das macht nichts“, antwortete er mit einem flüchtigen Lächeln. „Es tut nicht weh. Es … Es hat mich aufgeweckt. Ich danke dir für deine Aufmerksamkeit.“
Der Junge nickte. „Sie meinen es nicht so“, sagte er schnell und rannte davon.
Lächelnd sah ihm Justus nach. „Wie schön, dass es Kinder wie ihn gibt“, dachte er und setzte seinen Weg fort.
Zu Hause leerte er seine Hosentaschen aus und legte die Kastanie, die er ihr mitbringen wollte, neben seinen Schlüssel auf den Dielenschrank. Im Bad versorgte er seine Wunde, wusch sich das Gesicht und brachte seine Haare in Form. Er lächelte sein Spiegelbild an und war zufrieden mit dem, was er sah: einen Mann mit Lachfältchen, schlohweißem Haar und dem Ritterschlag einer Kastanie.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Kastanie, wohl beschützt – Foto © verena-timtschenko/pixabay