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Apfelkuchen hilft immer

Mama backt Kuchen. Einfach so. An einem ganz normalen Dienstagabend. Keiner hat Geburtstag, keiner feiert ein Fest und eine Einladung zu Kaffee und Kuchen gibt es auch nicht. Das ist seltsam. Warum stellt sich Mama, die mit Backen sonst nicht viel am Hut hat, einfach so am Abend in die Küche und knetet einen Kuchenteig?
Da muss etwas passiert sein.
„Feiern wir ein Fest?“, fragt Mara.
„Backst du Käsekuchen?“, erkundigt sich Max.
„Mit Vanilleeis und Sahne?“, fügt Papa hinzu.
Mama seufzt. „Apfelkuchen“, sagt sie dann. „Ich backe ‚nur‘ einen Apfelkuchen.“ Dieses ‚nur‘ sagt sie ein bisschen lauter als die anderen Worte.
Warum ‚nur‘? Egal. Andere Fragen sind wichtiger.
„Warum backst du ausgerechnet jetzt in der Zwetschgenkuchenzeit einen Apfelkuchen?“, wundert sich Papa.
„Und warum backst du ihn jetzt am Abend?“, fragt Mara. „Bis der Kuchen fertig ist, liegen wir im Bett und können ihn nicht essen.“
Max wiegt den Kopf bedenklich hin und her. Ihm schwant Böses. Nein, falsch. Nichts Böses. Eher Enttäuschendes.
„Ist der Kuchen vielleicht gar nicht für uns? Willst du ihn verschenken?“, stellt er eine vorsichtige Frage.
Mama sagt nichts mehr. Ihr Kopf aber wird rot und immer röter. Sie sieht wütend aus. Sehr sogar.
Schweigend wendet sie ihnen den Rücken zu, rollt den Teig auf der Tischplatte aus, knetet ihn und schlägt ihn mit Gepolter und Gezerre glatt, bis er sich zu einem dünnen Kuchenboden formt. Dann stopft sie ihn mit eiligen, fahrigen und nicht sehr sorgfältigen Bewegungen in die runde Backform. Nun ist der Teig nicht mehr hauchdünn ebenmäßig schön, sondern hügelig und wellig und ein bisschen sieht er auch schlampig aus. Egal. Hauptsache, er schmeckt.
Papa öffnet den Mund, will etwas sagen, bleibt aber doch still. Mama schält nun nämlich mit harschen, fast wütigen Bewegungen die Äpfel. Es sind dicke Schalen, die auf den Tisch fallen. Viel zu dicke Schalen mit noch viel Frucht dran.
Es ist, als würde Mama dies gar nicht bemerken. Sie schneidet die Äpfel in unregelmäßig dicke und dünne Scheiben, wirft sie lieblos auf den hügeligen Teilboden und kippt fast eine halbe Dose Zimtpulver auf den Apfelberg. Darüber legt sie den zweiten, glatt gerollten Teigboden, stopft in an den Rändern fest, streut Butterflöckchen über den Kuchen und schiebt ihn in den Ofen. Zack!
„Fertig!“
Sie blickt auf und ihr eben noch wütendes Gesicht mit den rot glühenden Backen hat sich nun wieder in ein ganz normales, lieb lächelndes Mamagesicht verwandelt.
„Ach?“, sagt sie. „Ihr seid noch da? Ich … ich habe uns für morgen zum Frühstück einen Kuchen gebacken und jetzt geht es mir auch wieder besser.
Sie grinst ein wenig und murmelt:
‚Hör auf zu schimpfen, weinen, fluchen! Back besser Omas Apfelkuchen‘! Das hat meine Oma Gertrude immer gesagt, wenn sie sich geärgert hat. ‚Das Teigkneten und Apfelschälen saugt allen Ärger auf. Wenn der Duft von Zimt und Äpfeln die Nase streichelt, sieht die Welt wieder ein Stück heller aus‘. Ja, so waren ihre Worte, und wisst ihr was? Sie hat recht gehabt. Apfelkuchen hilft immer.“
Sie lächelt und Mara, Max und Papa nicken eifrig. Der Kuchen duftet wirklich verführerisch süß. Er streichelt ihre Nasen so sehr, dass sie ganz vergessen, Mama zu fragen, warum sie sich eigentlich so sehr hat ärgern müssen.

© Elke Bräunling

Und hier findest du das Gedicht vom duftenden Apfelkuchen im Ofen: Apfelkuchentraum

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