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Die Vespa
Erzählung

„Erinnerst du dich, wie ich mir damals nichts mehr gewünscht habe als eine Vespa wie diese zu besitzen?“
Friedel Kleiner deutete auf den mintgrünen Motorroller, den die junge Frau am Wegrand abgestellt hatte. Auf dem Gepäckträger war ein Köfferchen festgeschnallt.
„Du wolltest damit die Welt erkunden, raus aus dieser Kleinstadt-Enge hier“, sagte Irene. „Ich erinnere mich gut, wie du jede Mark dafür gespart hast.“
Sie lächelte. Plötzlich sah sie den jungen Friedel vor sich. Seine Haare fielen bis auf die Schulter, was ihm ständig Ärger mit seinen Eltern beschert hatte.
„Und meine Eltern taten alles, um genau das zu verhindern. Das hatte mich immer störrischer werden lassen.“ Er lachte heiser auf. „Nie werde ich jene Ferien vergessen, in denen ich Nachtschicht in der Chemiefabrik gearbeitet hatte. Sechs Wochen lang, und als die Schule wieder begann, war ich nur noch müde.“
Irene nickte. „Du hast gutes Geld damals verdient und dachtest, die Welt läge dir zu Füßen. Für eine Vespa aber hat es dann doch nicht gereicht.“
Friedel seufzte. Nein, der Ferienjob war es nicht gewesen, der ihn damals dann so schwer belastet hatte. Die Sorge um Maria, seine kleine todkranke Schwester, hatte ihm den Schlaf geraubt und auch die Träume. Er wusste, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb. Einen großen Wunsch aber hatte sie gehabt: Einmal wollte sie das Meer sehen.
„Ich vergesse nie ihre Freude, als ich sie einlud, mit mir an die Nordsee zu fahren“, murmelte er. „In diesem Moment hatten meine Eltern das erste Mal Achtung vor mir. Ich erinnere mich genau, wie Mama sagte: ‚Friedel, was wären wir nur ohne deine Hilfe?’. Das war mir so viel mehr wert als die Vespa, und Maria hatte es glücklich gemacht. Wenigstens noch einmal in ihrem kurzen Leben!“
Irene streichelte ihrem Mann über die Schulter. „Du hast Marias Traum wahr werden lassen, indem du auf den deinen verzichtet hattest. Dieser Ausflug ans Meer damals hat dir Kraft geschenkt und Trost für das, was danach kam. Eine Vespa hätte das nicht aufzuwiegen vermocht. Aber …“ Irene zwinkerte Friedel zu. „… wer sagt, dass der Vespa-Traum für immer ausgeträumt ist? Du fühlst dich doch nicht zu alt für ein neues Abenteuer?“

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

 

Vespa-Traum, damals – Foto von ToomaCZ – Pixabay