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Alles, nur keine Rüben
Erzählung

Das Feld lag weit vor ihr. Die Furche, in der sie hockte, schien kein Ende zu nehmen. Wie viele Rüben sie heute schon aus der Erde gezogen und wie viele Körbe sie mit Rübenknollen gefüllt und zur Sammelstelle geschleppt hatte, konnte sie nicht mehr sagen. Es waren viele.
Sie hasste Rüben und sie verabscheute die Gerichte, die ihre Mutter aus ihnen zubereitete. Dieser Ekel, wenn sie vor einem Teller Rübensuppe oder Rübengemüse saß! Trotz des Hungers, der im Magen schmerzte, fiel es ihr schwer, auch nur ein paar Löffel davon zu essen. Aber es gab fast nichts anderes. Seit drei Jahren war der Krieg vorbei und sie aßen noch immer nur Rüben und Kartoffeln, ein Stück Brot, Äpfel. Von allem nicht viel. Am meisten noch von den Rüben.
Und nun musste sie auch noch helfen, dieses verhasste Gemüse zu ernten. Es waren Ferien und die Mutter hatte sie mit ihrer älteren Schwester Marie zur Rübenernte aufs Land geschickt. So viel kostbare Zeit für dieses grässliche Gemüse! Das Schlimmste daran war der Lohn: Rüben satt. Zwei große Körbe Rüben, ein Stück Speck, Äpfel und ein Sack Kartoffeln für jeden. Das sollte bis in den Winter reichen, um den Hunger, den man in der Stadt erleiden musste, zu mildern. Manchmal würde Lina lieber verhungern, doch das klang bitter und Bitterkeit, sagte die Mutter, dürfe man sich in Zeiten wie diesen nicht erlauben. Man müsse dankbar sein, den Wahnsinn des Krieges überlebt zu haben. Alles andere sei Sünde.
Lina beeilte sich. Nur diese Furche noch, dann gab es ein Vesper. Brot mit dieser würzigen, harten Blutwurst. Wie hungrig sie danach war! Schnell. Ernten. Rübe für Rübe für Rübe. All diese Rüben führten zum Blutwurstbrot. Rübe für Rübe für … Das Feld schien kein Ende zu nehmen. Es wurde größer, weiter, die Furche verlängerte sich mehr und mehr und sie erntete und erntete und hasste. Es war Sünde, Nahrungsmittel, die satt machten, zu hassen. Aber sie war doch noch so jung und sie verabscheute diese Rüben. Die aber wuchsen wieder und wieder aus der Erde und es nahm kein Ende und…
„Sünde!“ Lina schrie auf. „Alles, ich tu alles. Nur keine Rüben, hörst du?“
Ein Sturm kam auf. Er rüttelte an ihr, nahm ihr die Luft, ließ sie nicht weiter sprechen.
„Alles …“, keuchte sie. „Nur … keine … Rüben. Ich …“
„Wach auf, Lina! Du träumst! Aufwachen. Alles ist gut. Hörst du? Alles ist gut.“
Es war Hannes’ Stimme. Seine ruhige, freundliche, so sehr geliebte Stimme. Hannes. Er war da.
„Gut? Alles?“ Sie setzte sich auf, wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn. Ja, alles war gut. Sie hatte nur geträumt. Alles war gut.
„Es war wieder der Traum“, sagte sie.
Er nickte. „Ich weiß. Beruhige dich und versuche noch ein wenig zu schlafen! Nachher kommen die Kinder.“
„Ja, die Kinder. Sie wollen Gemüse ernten. Den Mangold. Die rote Beete. All den Rübenkram. Sie lieben es. Kannst du das verstehen?“
Er schüttelte den Kopf, lächelte. „Nicht wirklich“, murmelte er. „Aber man muss nicht alles verstehen und das ist gut so. … Lass uns noch ein Stündchen schlafen. Dann … Lina?“
Lina antwortete nicht mehr. Sie war eingeschlafen. Ernten war ermüdend. Besonders das Ernten jener Früchte, die man niemals ausgesät hatte.

© Elke Bräunling

Auf dem Feld – Foto von © stocksnap/pixabay