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Geschichten des Lebens
Erzählung

Vorne bei den Weinbergen saß die Frau vor einer Staffelei. Sie war schon älter. Uralt eigentlich mit den Falten, die das Bild des Lebens in ihr tief gebräuntes Gesicht zeichneten. Sie trug einen breitkrempigen Sonnenhut und malte. Zwischendurch blickte sie immer wieder prüfend auf den Weinberg mit seinem leuchtenden Laub, dem Weinberghäuschen und den sanft gerundeten Bergen im Hintergrund. Sie kniff die Augen zusammen, taxierte, dann nickte sie zufrieden und malte weiter. Oft summte sie sehnsuchtsvolle Melodien, die an endlos weite Wälder mit glutroten Sonnenuntergängen, an Kiefernharz, junge Birken, Bergthymian, Holzhütten, Heidelbeermarmelade, Stockbrot und gegrillten Flusslachs erinnerten.
Manchmal kamen Spaziergänger vorbei und grüßten und rissen sie aus ihrer Versunkenheit, die an einem ganz anderen weit entfernt liegenden Ort ihre Heimat hatte. Manche blieben auch stehen und wechselten ein paar Worte mit ihr. Freundliche, banale Worte über den Tag, die Malerei, das Wetter.
Sie blieb wortkarg. Ihrer Haltung sah man es an, dass sie sich unwohl fühlte, wenn sie angesprochen wurde. Ihre Schultern zogen sich zusammen, die Rückenmuskulatur verkrampfte und ihr Kopf neigte sich dem Boden zu, so als suche sie dort angestrengt nach etwas, das sie verloren hatte. Vielleicht war es ja auch so. Vielleicht suchte sie nach Buchstaben oder Worten, die ihr beim erzwungenen Smalltalk mit Leuten, die sie nicht kannte und die sie bestimmt auch nicht kennenlernen wollte, nicht über die Zunge purzeln wollten.
Ich glaube, sie hasste Störungen, die ihr Arbeiten und ihr Träumen unterbrachen, und sie hatte es verlernt, viele Worte über das Nichts zu verlieren. Worte, die nur um des Redens willen gewechselt wurden, waren verschwendete Worte für sie. Zu viel davon hatte sie in ihrem Leben achtlos ausgesprochen und verschwendet. Heute waren ihr gute Worte zu einer Kostbarkeit geworden, die sie niemandem mehr gerne vor die Füße warf. Schon gar nicht fremden Menschen, die sie nicht interessierten und für die auch sie ehrlicherweise nicht interessant war.
„Ihre Ruhe haben wollte sie und malen, um das im Leben Versäumte und verloren Geglaubte ein wenig noch für sich zurückzuholen. Doch es gelang ihr nicht immer. Die Menschen mit ihren Erwartungen standen ihr noch immer im Wege und …“
„Warum erzählst du von dieser Frau, als sei sie eine Fremde?“, unterbrach mich das kleine Mädchen, das sich so gerne Geschichten anhörte und das auch jetzt zu meinen Füßen saß und mich aufmerksam taxierte. Diese Frau, die bist doch du, oder?
Treffer! Ich schwieg. Dieses Kind, das meine Urenkelin war, würde es einmal weit im Leben bringen. Es könnte zuhören und sich einen Reim auf das Gesagte machen. Was für ein Geschenk in diesen grauen, von Ängsten und schlechten Nachrichten geprägten Zeiten. Was für ein Geschenk für uns beide.
Ich lächelte, strich der Kleinen über das verschwitzte Haar, das auf der Stirn klebte, und begann endlich damit, die versprochene Geschichte zu erzählen.

© Elke Bräunling