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Das neue andere Leben

Drei Tage war es her, dass Klaus Wagner dem Stadtleben den Rücken gekehrt hatte. Seinen Vorstadtbungalow hatte er zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau Hilda eingetauscht mit einem Appartement auf dem Bauernhof. Er lebte nun in einer Wohngemeinschaft mit früheren Studienkollegen genau so, wie sie es sich damals als junge Studenten erträumt hatte. Ein ruhiges Leben auf dem Land, fernab von all dem, was Stadtleben ausmachte, sollte es werden. Und nun war Sonntag. Der erste Sonntag auf dem Land.
„Hoffentlich war es die richtige Entscheidung“, murmelte er, als er am Morgen mit dem ersten Becher Kaffee in der Hand durch den alten Bauerngarten schlenderte.
Der Garten war marode, seit Jahren vernachlässigt und mit Wildkräutern, Baumtrieben und schnellwüchsigen Hasel- und Brombeerbüschen überwuchert. Es würde viel Zeit kosten, ihn wieder in Ordnung zu bringen. Den Garten und auch ihn, den alt und einsam gewordenen Mann. Aber was bedeutete Ordnung? Eine Frage der Sichtweise.
Klaus Wagner schmunzelte. Seine Hilda, die würde nicht lange fackeln. Längst würde sie mit Harke, Schere und Spaten hier werkeln und endlose Pläne für die Umgestaltung erstellen. Sie würde …
Er verbat sich weitere Gedanken an seine Frau. Der Schmerz des Verlustes war noch zu groß.
„Jetzt heißt es erst einmal ankommen“, sagte er laut. „Ankommen und annehmen und heimisch werden. Dieser Garten läuft mir nicht weg.“
Er atmete tief durch, schloss die Augen, lauschte in die Stille des frühen Morgens.
Nein, still war es hier eigentlich gar nicht. Ein Vogelchor sang gerade sein Lied der tausenderlei Stimmen und Stimmungen. Nein, er sang nicht. Er piepte, tschilpte, pfiff, kreischte, stritt, fetzte, föhnte, flötete, tirilierte. Alles auf einmal und sehr durcheinander. Nicht sonntagsfeierlich. Sonntage kannten sie nicht, die Schwalben, Spatzen, Finken, Amseln, Meisen und wie sie alle hießen.
Klaus liebte das laute Durcheinander ihrer Stimmen, das die Stille des Morgens ebenso wenig störte wie der Hahn, der irgendwo in der Nähe gerade krähte, das Muhen der Kühe vom Stall des Großbauernl her, das lustlos klingende Meckern der Schafe, das Geigenkonzert der Grillen, das Bellen des Nachbarhundes und das helle Bimmeln der Kirchenglocken. Sie alle gaben der Stille einen Raum, der sie umfing und liebkoste.
Er spürte, wie sie seine Seele streichelte. Sein Herz machte Hüpfer, die er lange nicht verspürt hatte. Glückshüpfer? Er wollte sie festhalten, während er dieser lauten Stille lauschte.
Aus dem rosafarbenen Meer der üppigen, alten Rosenbüsche lachte ihm ein weißer Blütenkopf frisch aufgeblüht entgegen. Eine einzige weiße Rose. Sie malte das Bild mit ihrem Weiß so bunt wie die Vögel mit ihrem Konzert die Stille still machten. Verrückt schöne Welt.
Nebenan röhrte ein Motorrad auf. Es jaulte mit schmerzlichen Heultönen, hallte durch die Straße, waberte über Wiesen, Gärten, Höfe. Aha, der Nachbar zwei Häuser weiter sattelte seinen Maschine, auf die er sehr stolz zu sein schien. Er sattelte lange, wollte gehört, gesehen werden.
Klaus Wagner grinste. Er erinnerte sich an das Gefühl jenes Gesehenwerdenwollens aus jungen Jahren. Es war so wichtig gewesen … damals. Und es war so unwichtig geworden heute.
Er lächelte, trat an den morschen Zaun und winkte dem jungen Mann zu.
Der neigte sein helmgekröntes Haupt, winkte auch.
„Guten Mooorgen“, rief er mit einem gedehnt breiten ‚ooo‘. „Und einen schönen Sonntag auch.“
„Danke“, anwortete Klaus Wagner. „Nett, Sie kennen zu lernen.“
„Jo! Passt schon.“ Der Nachbar ließ die Maschine noch einmal aufheulen, dann jagte er mit einem satten Röhren über die Straße hinaus aus dem Dorf.
Die Stille wurde wieder still, der Vogelchor sang weiter und der Kaffee in seinem Becher war kalt geworden. Egal.
Klaus Wagner lächelte wieder. Dann leerte er den Becher in einem Zug und ging festen Schrittes ins Haus zurück. Er hatte auf einmal viel vor. Einen weiteren Kaffee einschenken und Frühstück vorbereiten für seine Mitbewohner. Und einen Plan wollte er anfertigen. Für den Garten. Da waren ihm gerade so einige Ideen gekommen, die er unbedingt gleich notieren musste. Und zum ersten Mal seit zwei Jahren vermochte er ihn wieder zu sehen, den Sinn. Für ein anderes, neues Leben.

© Elke Bräunling