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Einer jener lauen Abende
Erzählung

Es war einer jener lauen Abende, an denen eine ganz besondere Leichtigkeit in der Luft zu klingen schien und das Leben sich von seiner heiteren Seite zeigte.
Heiter fühlte sich auch Peter Wagner, als er gegen 22.30 Uhr die Weinstube ‚Rebstöckchen‘ verließ. Wie jeden Donnerstag hatte er sich hier mit Freunden zum Abendessen bei Wein und Plauderei getroffen und wie jedes Mal auch verließ er das Rebstöckchen gut gelaunt und wohl gesättigt. Heute allerdings war ihm noch nicht danach, gleich den Heimweg anzutreten. Der Abend war so mild und windstill, behaglich, duftend und lockend.
Peter blieb am Rande des Marktplatzes bei den alten Kastanienbäumen stehen und atmete tief durch. Welch ein würzig-köstlicher Duft! Er liebte die Zeit der Kastanienblüte. Zweifellos: Es war die schönste Zeit im Jahr. Der Duft der Kastanien mischte sich auf harmonische Weise mit den anderen Düften des frühen Sommers, die eine verführerische Mischung bildeten: Kastanienblüten, Holunder, Jasmin, Giersch, Thymian, der letzte Flieder und die ersten Rosen. Ein Potpourri der süßen Düfte, das die Sinne zum Explodieren brachte und süchtig machte nach den Verlockungen der frühen Sommerzeit.
„Perfekt.“ Er atmete tief durch. Dann steuerte er die Bank neben dem Marktplatzbrunnen an. Diese kostbare Zeit galt es auszukosten. Jetzt nach Hause zu gehen, fühlte sich an wie eine Sünde am Leben.
„Schlafen kann ich an Schlechtwettertagen genug“, murmelte er und ließ sich auf der Bank nieder.
Wie es hier duftete! Er verzichtete auf die Abendzigarre, die er sonst auf dem Weg vom Rebstöckchen zu seinem Haus zu rauchen pflegte. Sie passte nicht in diesen Abend.
Peter war zufrieden. Er liebte Stunden wie diese. Nur vergaß er zu oft, sie zu erkennen, zu fühlen, zu riechen. Magda, seine liebe Frau, hatte ein Händchen für jene liebenswerte Momente im Leben gehabt. Würde sie noch leben, so hätte sie ihn heute bestimmt auch zu einem Abendspaziergang eingeladen. Und bestimmt hätten sie – wie früher auch – auf einer der Bänke hier Rast gemacht und die Schönheit des Augenblicks geliebt. Sie hätten sich an den Händen gehalten und geschwiegen. Die Augen hätten sie geschlossen und die Düfte der Blüten genossen.
Allein die Erinnerung daran ließ sein Herz schneller schlagen. Sie fühlte sich gut an. Wie früher und doch auch wie jetzt.
„Hätte, hätte, Fahrradkette“, murmelte er und ein Lächeln überzog sein Gesicht. Diesen Spruch hatte er früher nicht leiden könnten. Magda hatte ihn gesagt. Immer, wenn er wieder einmal versucht war, an einer Sache, die vom Üblichen abwich, zu zweifeln.
Hätte, hätte, Fahrradkette.
„Das Leben findet jetzt statt. Genau in diesem Augenblick, nicht früher, nicht später. Und ohne Konjunktiv. Genau.“
Peter nickte. Dann zündete er sich doch eine seiner geliebten Zigarren an. Sie passte nun irgendwie doch zu diesem Moment.

© Elke Bräunling

Schäfchenwolken am Abendhimmel