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Oma und das kranke Wetter

„Das Wetter ist schuld“, sagte Oma und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Mein Kopf schmerzt! Oh, mein Kopf!“
Sie sagte es oft in diesem Sommer. Eigentlich jedes Mal, wenn sich das Regenwetter verabschiedete und einem kühlen Sonnentag mit einem leisen Wind Platz machte. Dies schien Omas Kopf nicht leiden zu können, und auch Oma mochte diesen Wetterwechsel nicht, bescherte er ihr doch stets Kopfschmerzen, die so quälend waren, dass sie das Haus dann ungern verließ. Weil heiße, schwüle, gewittrige, regnerische Tage einander aber immer wieder mit kühlen, sonnigen Windtagen abwechselten, klagte Oma nun auch besonders häufig über Schmerzen. Und über das Wetter, das diese Kopfschmerztage bescherte.
„Ich mag kühle Sonnentage mit Wind gut leiden. Da kann man prima draußen spielen und muss nicht schwitzen“, sagte Sofie. Sie konnte es sich gar nicht vorstellen, dass dieses Wetter krank machte.
Auch Mama und Papa mochten die Sache mit Omas Sommerkopfschmerztagen nicht ganz glauben.
„Du solltest einfach nicht daran denken, dass heute ein Kopfschmerztag ist“, meinte Mama vorsichtig, als Oma gerade die geplante Waldwanderung wegen ihrer Wetterschmerzen absagte.
„Du könntest versuchen, gar nicht mehr auf das Klima zu achten“, sagte Papa, der Omas Sohn war und sich manchmal traute, die Wahrheit, oder was er dafür hielt, zu sagen. „Es gibt kein schlechtes Wetter. Es gibt nur falsche Gedanken dazu.“
Da waren sie bei Oma heute aber an der falschen Adresse. „Ihr meint, ich bilde mir das alles nur ein?“, schimpfte sie. „Glaubt ihr etwa, ich freue mich über Kopfwehtage?“
Auch Opa war gekränkt. „Ein bisschen mehr Gefühl sollten ihr schon für eure Mutter haben“, murrte er. „Niemand sehnt sich Schmerzen herbei. Die ganze Nacht hat Oma gelitten.“
„Ich mag dieses kranke Wetter jetzt auch nicht mehr. Es ist doof“, sagte Sofie, die es nicht leiden konnte, wenn jemand litt. „Ich bleibe bei dir und erzähle dir eine Geschichte. Ein Bild male ich dir auch.“ Sie streichelte über Omas Kopf.
Oma lächelte. „Nein, mein Schatz. Wir machen es anders: Ihr geht wandern und ich nehme zwei Tabletten, trinke einen Gemüsesaft und morgen bin ich wieder fit. Wenn ihr mögt, werden wir im Garten grillen. Es gibt Hamburger, Würstchen, Forelle, Grillgemüse und Kartoffelsalat. Was haltet ihr davon?“
„Viel!“ Sofie strahlte und auch Mama, Papa und Opa hörten auf zu schmollen. Es fühlte sich nämlich nicht gut an, wegen Wetterschmerzen miteinander zu streiten.
Am nächsten Tag war dann auch alles wieder in Ordnung. Für Oma. Nicht aber für Papa. Das kühle Windwetter hatte nämlich einem schwülen Sonnentag Platz gemacht. Omas Kopf mochte schwüles Wetter gut leiden. Papas Kreislauf aber nicht.
„Mir ist entsetzlich schwindelig und übel“, klagte er, als sie im Garten saßen und feine Grillleckereien essen wollten. „Und essen kann ich schon gar nichts. Nicht mal riechen mag ich das Grillzeugs.“
„Mein armer Christian!“ Oma strich Papa übers Haar. „Verzeih! Ich hatte ganz vergessen, dass du schwüle Luft nicht verträgst. Wie sehr lässt sie dich immer leiden!“
Papa nickte mit kläglicher Miene. „Ich hasse dieses schwüle Wetter“, murmelte er und seine Stimme klang leidend. „Oh, wie ist mir schwindelig!“
Sofie aber dachte an gestern und an Papas Worte für Oma.
„Du könntest versuchen, gar nicht auf das Wetter zu achten“, sagte sie. „Es gibt kein schlechtes Wetter. Es gibt nur falsche Gedanken dazu.“
Aber Papa hörte ihr vor lauter Klagen nicht mehr zu. Mama, Oma und Opa aber hatten nun doch Mühe, ernst zu bleiben.

© Elke Bräunling