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Der Wind und die Träume
Gespräche auf der Parkbank

„Die Lieder, die der Wind heute singt, erzählen von fernen Küsten, Strandnelken, Muscheln, Sand und einer Schildkröte namens Graziella“, sagte Marie.
Mit geschlossenen Augen saß sie auf der Bank, die unter blühenden Linden beim alten Brunnen stand, und lauschte dem Rauschen der mächtigen Zweige der Parkbäume.
Albert der neben ihr saß, hob den Blick und sah Marie fragend an.
„Ich höre nichts!“, behauptete er. „Welche Sprache spricht er denn, der Wind?“
„Hör genau hin! Er singt“, flüsterte Marie. Sie hielt die Augen geschlossen und lächelte. „Es ist eine Sprache, die jeder verstehen kann. Die Sprache des Sommers. Und er hat viel zu erzählen. Kommt er doch von weit her, um mit uns seine Geschichten zu teilen und seine Lieder zu singen.“
„Aha!“ Albert grinste. „Und heute kommt er von einem fernen Strand, an dem diese Graziella lebt. Komischer Name übrigens für eine Schildkröte, findest du nicht auch?“
„Nein, gar nicht komisch, ein schöner Name ist es, und Graziella ist wohl auch eine besonders hübsche Schildkröte, wie ich erfahren habe.“
„Dann erzähle mir mehr über sie!“, bat Albert und lehnte sich bequem zurück.
Marie lachte auf. „Graziellas Geschichte soll ich dir erzählen? Entschuldige, aber das kann ich nicht.“ Sie machte eine kleine Pause, atmete tief durch. Dann lehnte sie den Kopf zurück und folgte mit den Augen dem Tanz der Blätter über ihr.
„Weil ich sie nicht kenne. Der Wind allein weiß sie zu erzählen, wie so viele andere Geschichten, die er zu uns bringt. Verstehst du?“
Albert nickte, aber er verstand nicht. Seine Marie ist eine Träumerin. Das war es, was er so an ihr liebte. Er selbst stand, wie er meinte, mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Trotzdem hätte er gern ein wenig mehr über Graziella erfahren.
„Kann es sein, dass diese zauberhafte Dame Graziella eine deiner romantischen Erfindungen ist?“, hakte er nach.
„Du bist aber wieder hartnäckig!“ Maries missmutiger Blick traf ihn. Sie legte die Hand auf die Stirn und ihr Stimme klang leidend nun:
„Träume sind Träume und Schildkröten sind Schildkröten und keine Damen und überhaupt hasse ich diesen schrecklichen Sommerwind über alles. Er bereitet mir Kopfschmerzen.“
Albert öffnete den Reißverschluss seines kleinen Rucksacks, den er stets mit sich führte, und reichte Marie eine Wasserflasche.
„Trink einen Schluck! Er wird dir gut tun. Du trinkst zu wenig, meine Liebe!“
Dankbar nahm Marie die Flasche. Was wäre sie nur ohne Albert, der sich stets um sie sorgte? Sie presste ihre Wange an seine Schulter und schloss für einen Moment die Augen. Ja. Trotz aller Stürme, Höhen und Tiefen, die sie in den 52 Jahren ihrer Ehe durchlebt hatten, liebte sie ihn noch immer. Auch wenn es oft nicht einfach gewesen war.
„Wie froh ich doch bin, dass es dich gibt“, murmelte sie. „Sag, wollen wir nicht dem Ruf des Windes folgen und schnell ans Meer rasen. Wer weiß, vielleicht wartet die Schildkröte Graziella ja doch auf uns?“
„Nun ja“, antwortete Albert, „mit dem Rasen wird das wohl eher nichts, aber wir könnten im Schildkrötentempo zunächst mal nach Hause gehen und Pläne für eine größere Reise schmieden.“
Marie lachte hell auf. „Du hast recht. Lass uns Pläne schmieden!“
Albert stand auf, Marie hakte sich bei ihm ein. Gemeinsam gingen sie nach Hause, im Graziellatempo und keinen Schritt schneller.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

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