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Ein sonniger Frühlingstag unter Nachbarn

„Endlich scheint die Sonne wieder, der Himmel ist blau, und so kalt wie in den letzten Wochen ist es auch nicht mehr.“
Else Bergmann trat auf die Terrasse, breitete die Arme aus und streckte ihr Gesicht der Sonne entgegen.
„Schlimm, nicht wahr? Die Sonne zeigt, wie schmutzig die Fenster sind.“
Ihre Nachbarin Anni Lind stand am Fenster und hub zu einer Schimpftirade an.
Else seufzte. Die beiden Frauen waren die Gegensätze schlechthin. Alles, was ihr gefiel bot Anni Lind Anlass zu Meckereien. Dabei war sie davon überzeugt, dass diese im Grunde ihres Wesens eigentlich eine nette Frau war. Leider sah sie die schönen Dinge des Lebens nicht und machte sich dadurch ihren Alltag schwer.
„Ach, liebe Anni, kommen Sie doch heraus und lassen Sie uns das schöne Wetter genießen. Ihre Fenster können warten und außerdem haben Sie die doch erst letzte Woche geputzt, stimmt’s?“
„Beobachten Sie mich schon wieder? Kann man denn nichts tun, ohne dass sich die Nachbarn die Mäuler darüber zerreißen?“ Anni war erregt. „Sie sollten vor Ihrer Türe kehren. Und sehen Sie sich mal Ihre Fenster an!“
„Ja, sind sie nicht wunderschön mit der neuen Frühlingsdeko? Meine Enkelin hat die Blumen im Kindergarten gebastelt. Sie leuchten richtig, nicht wahr?“ Else lächelte, auf die Beschimpfungen ging sie gar nicht ein, das führte zu nichts.
„Mir bastelt keiner etwas.“ Annis Stimme klang leiser nun, versöhnlicher. „Nicht dass Sie meinen, ich starre unentwegt zu Ihrem Haus hinüber, aber die bunten Fenster sind nicht zu übersehen. Sie stimmen wirklich fröhlich, da haben Sie recht.“ Sie zögerte. „Wenn man einen Grund zur Fröhlichkeit hat. Ich aber …“ Sie brach ab.
Else wusste, dass Anni allein war, seit ihr Mann vor zwei Jahren gestorben war und Enkelkinder hatte sie nicht. Soweit sie wusste, war der Sohn irgendwo im Ausland tätig und kam nur selten nach Hause.
„Kommen Sie doch einfach zum Tee zu mir! Ich würde mich freuen“, schlug sie vor und erwartete schon eine Absage. Oft schon hatte sie es versucht, aber Anni war nie darauf eingegangen. „Oder wollen wir einen Spaziergang machen?“
„G-gerne. Eine Tasse Tee würde gut tun jetzt.“ Die sonst so grimmige Nachbarin lächelte auf einmal. „Aber nur, wenn ich meinen Apfelkuchen mitbringen darf. Er ist noch warm und nach einen ganz besonderen Rezept gebacken.“
„Warmen Apfelkuchen? Oh, den liebe ich ganz besonders. Kommen Sie gleich! Ich setze schon mal Teewasser auf.“
Else freute sich. Er fing gut an, dieser sonnige Frühlingsnachmittag. Und hatte die Sonne nicht gerade ihre Hände, pardon, Strahlen mit im Spiel?

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl