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Uromas Osterkuchenrezept

„Mein Rezept! Oh je, oh je, oh je! Ich habe mein Rezept verloren.“
Aufgeregt wuselte Uroma Marie durch die Wohnung.
„Das Rezept, das dir der Arzt verschrieben hat?“, fragte Mama. „Es liegt im Flur auf der Kommode und ich werde es nachher mitnehmen und einlösen.“
„Nein. Das doch nicht.“ Uromas Stimme klang ungeduldig.
„Welches Rezept meinst du denn?“ Mama betrat Uroma Maries Zimmer. „Soll ich dir suchen helfen?“
Uroma Marie raufte sich die Haare. Sie war noch ungekämmt und ihre sonst sorgfältig zu einem Zopf geflochtenen weißen Haare hingen ihr wirr im Gesicht.
„Das Osterrezept meiner Mutter“, sagte sie. „Ich hatte es wohl aufbewahrt in meinem alten Tagebuch. Doch da ist es nicht.“
„Oh! Dieses Rezept meinst du!“
Mama erschrak. Es war ein Osterkuchenrezept von Ururoma Mathilde und es war kostbar. Nicht wegen des Osterkuchens, aber wegen der Erinnerung und der Familiengeschichte. War es doch das einzige Rezept, das von Uroma Maries Familie über den Krieg gerettet und erhalten werden konnte, fein geschrieben in einer alten Sütterlinschrift mit vielen Schnörkeln und kleinen Zeichnungen.
„Nun habe ich keine Erinnerung mehr an meine Mutter. Es war ihre Schrift.“ Oma Maries Stimme klang kläglich. „Ich habe es mir immer angesehen, wenn ich Sehnsucht nach ihr hatte. Und nun habe ich es verschlampt. Es ist verloren.“
„Und das Rezept auch.“ Mamas Stimme klang genau so traurig nun. Irgendwie war es nämlich auch ihr Lieblingsrezept, denn sie kannte keinen Kuchen, der leckerer schmeckte als dieser Osterkuchen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir nie mehr diesen Osterkuchen essen werden. Oh, ich habe ihn geliebt.“
„Der Kuchen?“ Uroma Marie blickte auf. „Der ist doch nicht das Problem. Das Rezept kenne ich auswendig.“
„Dann ist es ja gut.“ Mama atmete auf.
„Gar nichts ist gut.“ Die Stimme von Uroma Marie klang finster und immer noch sehr traurig. „Ich muss es finden. Ich muss …“ Und sie machte sich wieder an die Suche. Den ganzen Vormittag lang.
Mit traurig, feuchten Augen und immer noch ungekämmt setzte sie sich später zu uns an den Mittagstisch.
„Verloren“, murmelte sie. „Es ist für immer verloren. Ich weiß nicht, wo ich noch suchen könnte.“
Ich wusste nicht, was sie nicht mehr finden konnte. Ich wusste nur, dass ich ihr etwas ganz Tolles erzählen wollte. Vielleicht würde es sie trösten.
„Dein Osterkuchenrezept“, begann ich vorsichtig. „Das war der Knüller heute in der Schule.“
„Mein Oster … Oster … Kuchenrezept?“
Ich nickte. Und dann erzählte ich ihr, wie alle in der Deutschstunde das Blatt mit dem Rezept, den Bildern und der wunderfeinen Schrift bewundert und wie Frau Lehmann es ein ‚wertvolles zeithistorisches Dokument‘ genannt hatte. Ich erzählte und erzählte und merkte erst viel später, dass Uroma Marie und Mama seltsam stumm waren und gar nichts dazu sagten. Ob sie sauer mit mir waren, weil ich mir ohne zu fragen das Rezeptblatt ausgeliehen hatte?

© Elke Bräunling

Auch hier geht es um ein altes und traditionelles Familien-Osterrezept: Osterquark … oder … Der echte Pascha