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Der alte Kerzenständer
Nur eine einzige Erinnerung hat Oma an die Familie ihrer Mutter

Das hässlichste Teil in Omas Wohnung war ein alter, verbeulter Kerzenständer aus Messing, der auch nicht schöner wurde, wenn man ihn putzte und polierte. An manchen Stellen glänzte er dann ein bisschen, doch die scheußlich schwarzen Brandflecken, die ihn aussehen ließen, als sei er ein altes, verrostetes Stück Blech, verschwanden dadurch auch nicht. Im Gegenteil. Er sah dann noch älter und trauriger und erbarmungswürdiger aus. Zweifellos, ein hässlicheres Teil konnte man bei Oma nicht finden. Und auch kein wichtigeres.
Dieser scheußliche Kerzenständer stand nämlich dort, wo man ihn immer sehen musste. Auf dem Küchentisch. Tag für Tag für Tag, und nichts änderte sich daran. Selbst an wichtigen Festtagen nicht. Nur die Kerzen wechselten. Mal waren sie rot, mal gelb oder rosa, mal lang, mal kurz. Manchmal waren sie geschmückt mit bunten Kringeln oder fröhlichen Punkten, dann wieder waren sie langweilig weiß. Fast konnte man meinen, sie erzählten Geschichten vom Tag, vom Jahr und von Omas Laune. Helle, bunte Kerzen bedeuteten helle Tage und gute Laune. Dunkle Kerzen weniger und man schwieg dann besser.
Wehe, man sagte etwas gegen Omas Kerzenschmuck und noch mehr gegen den alten Ständer. Dann konnte es passieren, dass sie, sonst meist ausgeglichen und fröhlich war, wütend und zugleich sehr traurig werden konnte. Und das wollte natürlich keiner von uns.
„Dieser Kerzenständer“, erklärte uns Oma nämlich manchmal, „ist das einzige Erinnerungsstück an meine Familie.“
Wir kannten die Geschichte und die war genau so unschön wie der Kerzenständer es war. Meine Urgroßmutter, Omas Mama, nämlich hatte ihn damals im Krieg in den Träumern des Hauses, in dem sie mit ihren Eltern und Geschwistern gewohnt hatte, gefunden. Nach einer schlimmen Bombennacht war sie von ihrem Nachtdienst als Krankenschwester heimgekommen und hatte von dem Haus nur noch qualmende Trümmer gesehen. Alles war kaputt und, noch schlimmer, alle Hausbewohner waren tot. Nur der Kerzenständer, der in der Asche lag, zeigte, dass hier ihre Familie gelebt hatte. Sie hatte ihn mitgenommen und seither stand er überall dort, wo Urgroßmutter wohnte, auf dem Küchentisch. Zum Erinnern … und zum Trösten auch. Später war er dann bei Oma eingezogen und irgendwann wird er bei meinen Eltern und ganz bestimmt auch bei mir auf dem Küchentisch stehen.
Es stimmte: Er war nicht hübsch, Omas alter Kerzenständer. Aber er war wichtig. Sehr sogar. Denn niemals wollten wir vergessen, was unsere Geschichte ausmachte. Die unserer Familie und noch mehr die unserer Zeit.

© Elke Bräunling