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Obstkorbgeflüster

Ein dicker roter Apfel lag in der Obstschale auf dem Wohnzimmertisch. Er war der einzige seiner Art, neben ihm gab es noch Bananen, Weintrauben und eine rotbackige Birne. Die gefiel dem Apfel sehr. Den Duft der Bananen jedoch konnte er nicht ausstehen, ja, er bekam sogar Kopfschmerzen davon.
„Eigentlich“, brummte er, „habt ihr hier nichts zu suchen. Euer Geruch nervt.“
Die Birne nickte. „Und wenn ich das auch noch sagen darf“, fügte sie hinzu. „Eure Süße verdirbt die Menschen, die uns hier in diesem Hause euretwegen gerne verschmähen.“
„Das stimmt nicht!“, wehrten sich die Bananen. „Ihr mögt uns nur nicht leiden, weil wir nicht von hier sind.“
„Unsinn!“, rief die dickste der Trauben. „Wir sind auch nicht von hier und sind sehr freundlich aufgenommen worden. Wir kommen nämlich aus Italien, oh, es ist so schön dort!“
„Italien! Italien!“, rief der Apfel. Er war erregt nun. „Davon habe ich auch schon gehört. Alles Gute soll von daher kommen. Wozu, bitte, machen wir Äpfel uns überhaupt die Mühe, zu gefallen und wohl zu schmecken? Wir haben den Stress und ihr alle taucht hier einfach so bei uns auf und drängelt euch vor.“ Er schluckte und wandte sich an die Birne, die neben ihm lag und schwieg. „Ist doch so, meine Liebe. Oder was meinen Sie?“
„Ganz genau so ist das!“, antwortete die Birne und rückte ein wenig von den Trauben ab. „Ich persönlich stamme aus der Obstplantage eines Bioobstbauern und ich bin eine besonders wohlschmeckende Frucht. Aber hier scheint dies ja keiner zu schätzen.“
So zankten die Früchte noch eine Weile miteinander. Jede von ihnen hielt sich für köstlich und wichtig und trotzdem von den Menschen, die die Bananen bevorzugten, im Stich gelassen.
„Neid macht hässlich!“, murmelten die Bananen. Dann schwiegen sie. Reden ist Silber und Schweigen Gold, so hatten sie es auf ihrer weiten Reise in dieses Land neben vielen anderen aufregenden Dingen gelernt.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl