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Oma spielt Klavier

Oma Elise saß am Klavier und übte. Sie hatte beschlossen, all die Lieder und Klavierstücke, die sie in ihrer Jugend gespielt hatte, wieder aufzufrischen oder neu zu erlernen. Das war nicht einfach, denn seit mehr als fünfzig Jahren hatte sie keine Taste mehr berührt. Jedenfalls nicht zum Spielen, nur zum Abstauben. Und das sollte sich nun ändern. Sie würde üben und alles wieder lernen.
„Ohne Musik geht gar nichts im Leben“, sagte sie und spielte gleich noch einmal ihr Lieblingslied ‚Für Elise‘ von Beethoven. Sie spielte es schräg und es klang auch ein bisschen falsch. Und laut. Sehr laut sogar.
Trotzdem lauschte Opa Walter mit verzücktem, bewundernden Blick. Wenn dieser Beethoven nicht längst gestorben wäre, dann würde er ihm noch heute einen Orden dafür verleihen, dass er für seine liebste Elise ein so wunderbares Lied geschrieben hatte.
Weniger verzückt sah das Gesicht von Papa aus. Wegen der lauten, schrillen Töne, die aus der Elise von der Elise heraus klangen.
„Dieser Beethoven?“, fragte er vorsichtig. „War der nicht am Ende seines Lebens ertaubt?“
„Das wundert mich nicht! Sicher konnte er diesen Lärm nicht mehr ertragen!“, meinte Florian, der von seinem Handy aufsah und mit missbilligendem Blick zu Oma hinüber blickte.
„Er hat immerhin etwas Sinnvolles getan und nicht den ganzen Tag auf dem Handy herumgedaddelt!“
Papa ließ keine Gelegenheit aus, Florian wegen des Handys zu kritisieren, selbst wenn er dafür Herrn Beethoven und Omas ‚Elise’ verteidigen musste.
„Was für ein Lärm?“, fragte Opa und Oma Elise brach ihr Spiel ab.
„Jawohl!“, sagte sie. „Euer Lärm hier stört. Man kann nicht einmal richtig musizieren. Seid doch bitte etwas leiser!“
Florian grinste und tippte weiter auf sein Handy ein, Papa hatte plötzlich etwas Wichtiges in der Garage zu tun und Opa lehnte sich genüsslich in seinem Sessel zurück.
„Spiel nur weiter, Liebes!“, sagte er zu Oma Elise und steckte in einem unbeobachteten Moment schnell die Ohrstöpsel wieder in die Ohren, schloß die Augen und genoss das nun gut abgedämpfte Klavierspiel seiner Elise.

Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl