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Christrosenweiß

Als Frank das Zimmer der alten Dame betrat, saß diese in ihrem Sessel am Fenster. Sie lackierte ihre Fingernägel. Erfreut sah sie auf.
„Sie kommen gerade richtig, junger Mann!“, rief sie. „Seien Sie doch so gut und machen für mich einen Friseurtermin morgen!“
Frank grinste, machte einen Diener und antwortete: „Sehr wohl, Frau Gräfin, ganz wie Sie wünschen. Wollen Sie eine Party feiern?“
Sibylle Varnhaus hob ihre Hand zum Mund und pustete vorsichtig ihre frisch lackierten Nägel trocken.
„Carpe diem“, sagte sie. „Das ist lateinisch und heißt ‚Nutze den Tag‘. Und damit meine ich jeden Tag und diesen besonders.“ Sie warf den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und seufzte. „Ach, was habe ich wundervolle Feiern erlebt! Blass würden Sie werden, wenn ich davon erzählte.“
Frank schüttelte die Bettdecke auf, richtete geschickt das Laken.
„Ich bin ganz Ohr!“, sagte er und zückte sein Mobiltelefon. „Aber zuerst mache ich einen Termin für Sie beim Friseur!“
„Oh! Sehe ich so unmöglich aus?“ Sibylle Varnhaus langte sich erschrocken ins Haar und zupfte ein paar widerspenstige Strähnen zurecht. Sie warf einen Blick in den Spiegel, dann nickte sie. „Danke, mein Lieber! Sie haben recht. Das Haar verträgt frische Farbe. Rot. Rosenrot. Das würde passen.“
„Baccara oder Moosröschen?“, fragte Frank amüsiert.
„Baccara, nur vom Edelsten!“, antwortete Sibylle Varnholt. „Wollen Sie mir etwa Blumen schenken?“
„Darf ich Ihnen Blumen schenken?“ Frank nestelte sein Portmonnnaie aus der Hosentasche und warf einen Blick hinein. „Es reicht nur für etwas Kleines. Sehen Sie? Was bin ich doch für ein armer Mann!“
„Eine Christrose wünsche ich mir!“ Sibylle Varnholts Augen nahmen einen verklärten Ausdruck, ihr sonst so hartes Gesicht wurde weich. „Weiß wie Schnee. Einmal habe ich zum Neujahrsfest eine Christrose geschenkt bekommen. Es war mir die liebste Blume meines Lebens.“ Sie zögerte, dann überzog ein Strahlen ihr Gesicht. „Ich glaube, ich lasse mein Haar weiß färben. Christrosenweiß.“
Frank steckte seine Geldbörse wieder ein. „Dann müssen Sie gar nichts verändern, Ihre Haare sind einfach wunderbar, Christrosenweiß!“
Sibylle Varnhaus hielt Frank ihre Hand hin. Der beugte sie darüber und deutete einen Handkuss an. Es war so leicht, eine Dame glücklich zu machen.

Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl