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Ein gutes Jahr
Es war doch alles gut, oder?

„Es war doch ein gutes Jahr, nicht wahr?“, fragte Ulla ihre Mutter, als sie am letzten Tag des Jahres bei einer Tasse Kaffee zusammensaßen.
„Dieses?“, fragte die Mutter und sah Ulla mit großen Augen an. Offensichtlich war sie anderer Meinung. „Nein, mein Kind“, sagte sie nach einer Pause. „Es war ein trauriges Jahr.“
Ulla erschrak. „Aber warum, Mama? Ist da etwas, das ich nicht weiß?“
Ulla wusste, dass ihre Mutter schon lange keine Nachrichtensendungen mehr verfolgte. Da gäbe es eine Menge an Geschehnissen, die einen dazu bringen konnten, das vergangene Jahr als ein schlechtes zu bezeichnen. Aber das konnte es nicht sein.
„Ach Kind, weißt du denn nicht, was ich meine?“, fragte die Mutter jetzt. „Vermisst du deinen Vater denn nicht?“
„Oh, und wie ich ihn vermisse, Mama!“ Ulla umfasste ihre Mutter an der Schulter. „Auch wenn ich ihn nicht richtig kennen lernen durfte. Ich war ja noch so klein damals. Oder…?“ Ulla erschrak. „Oder hat er sich in diesem Jahr bei dir gemeldet?“
Erst jetzt fiel Ulla auf, dass die Mutter ihr gar nicht zuhörte. Es schien, was war sie in eine ganz andere, vergangene Welt abgetaucht. Das passierte in letzter Zeit immer mal wieder. Ulla war davon überzeugt, dass es gar nicht um ihren, Ullas Vater, ging. Die Mutter dachte an ihren eigenen Vater.
Ihre Mutter schwieg. Es war, als hätte sie Ullas Frage nicht gehört. Plötzlich aber überzog ein Lächeln ihr Gesicht. Ein Lächeln, das Ulla so sehr und das zwei tiefe Grübchen und viele Lachfältchen um die Augen zeigte.
„Habe ich dich nun genug aufs Glatteis geführt, mein Kind?“, fragte sie mit einem fröhlichen Lachen.
„Glatteis? Ich verstehe nicht. Was meinst du?“
„Nun ja. Ich wollte dieses Jahr nicht beenden, ohne dir noch einen „Beweis“ meines angeblich nachlassenden Gedächtnisses zu geben. Mein Liebes, ich bin nicht dement und wie es aussieht, werde ich es auch im neuen Jahr so schnell nicht sein. Aber deine kleinen Testfragen in den letzten Monaten, die haben mir in manchen Momenten wirklich ein trauriges Jahr beschert. Verstehst du, was ich meine?“
Ulla schlug die Augen nieder. Es stimmte, immer wieder hatte sie die Mutter „getestet“. Eigentlich gab es überhaupt keinen Anlass dafür, vielleicht waren es nur ihre eigenen Ängste, die sie auf die Mutter übertrug, denn ihr selbst passierte es immer öfter, dass sie Namen vergaß. Wie aber sollte sie ihr dies nun sagen? Vielleicht genau so?

Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl