Schlagwörter

, , , , ,

Wer glaubt denn schon an Wunder?

„Ihr glaubt nicht an Wunder?“ Herr Huber, der alte Lehrer, lachte leise auf. Dann deutete er auf den schäbigen Steinengel neben dem weihnachtlich geschmückten Marktbrunnen.
„Dieser kleine Kerl könnte euch so einiges berichten. Ihr müsst nur lernen, ihn zu sehen und seinen Worten zu lauschen.“
„Ich sehe ihn, aber reden kann er nicht. Der ist aus Stein, das sieht doch jedes Kind!“, rief Tobi vorlaut. „Wunder gibt es auch nicht, sagt meine Mama immer. Sie meint, sie hat lange genug auf ein Wunder gewartet.“
„Ein Wunder? Ha! Was ist ein Wunder?“ Herr Wagner mit dem Hinkefuß stieß mit seinem Gehstock heftig auf den Boden. „Mir ist noch keines begegnet. Ihnen etwa?“ Er stieß Frau Irmgard, die neben ihm stand, in die Seite.
Die schüttelte den Kopf. „Mir auch nicht. Schon gar nicht in der Adventszeit. Dabei heißt es doch, es sei die Zeit der Wunder! Oder irre ich mich?“
Eine junge Frau, die etwas abseits stand, ging zu dem Engel und strich ihm zärtlich über den Kopf.
„Wir beide wissen, dass es Wunder gibt“, sagte sie leise und lächelte.
Herr Huber hatte das gehört. „Erzählen Sie uns von dem Wunder!“, bat er sie.
„Erzählen? Ich? Oh, ich weiß nicht.“ Die junge Frau, die den Namen Marie Maien trug und noch nicht sehr lange in dem Städtchen lebte, errötete. „Ich kann nicht glauben, dass meine Geschichte für Sie interessant sein könnte, ja, ob Sie sie mir überhaupt glauben könnten. Wunder sind …“ Sie machte eine Pause. „Nun ja, Wunder sind nur schwer zu begreifen.“
„Ach bitte, erzählen Sie doch! Ich würde so gern an Wunder glauben.“
Ein Mann im Rollstuhl war es, der Marie bittend anschaute.
„Wenn man von dem Wunder, das einem widerfahren ist, anderen erzählt, kann es passieren, dass es seine Kraft verliert und keines mehr ist“, meinte eine alte Dame zögernd und ihre Freundin, in deren Arm sie eingehakt war, ergänzte:
„Im Geheimnis liegt das Wunder! Finden Sie nicht?“
Die Leute rund um den Brunnen wurden still. Sie betrachteten den Engel und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Es war eine fast andächtige Stille, die nur vom leisen Musikgedudel, das vom Weihnachtsmarkt her tönte, begleitet wurde.
„Eigentlich ist er doch ganz schön, der Engel!“, sagte Tobi.
Herr Wagner nickte zustimmend und auch Frau Irmgard betrachtete den Steinengel wohlwollend. Der Mann im Rollstuhl rollte an ihm vorbei und zwinkerte ihm zu. Fast schien es, als wollte jeder um sein eigenes Wunder bitten, es aber nicht aussprechen.
Marie Maien legte die Hände auf ihren Bauch und lächelte. Sie trug ein Wunder in sich. Aber das konnte noch niemand sehen.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl