Schlagwörter

, , , , ,

Das Lächeln im Fahrstuhl

Zu einer Zeit, in der die Menschen das Lachen verlernt hatten, tauchte eines Tages ein Mädchen auf, das so nett lächeln konnte, dass es einem warm ums Herz hätte werden können, wenn man das Lachen und die Freude an der Freude nicht längst aus seinem Leben verbannt hätte. Mit Lachen ließ sich nämlich nichts damit verdienen, und wer hatte heutzutage schon etwas zu verschenken?
Dann war da auf einmal dieses Mädchen im Fahrstuhl. Zuerst fiel es niemandem auf. Man war mit sich selbst zu sehr beschäftigt.
So auch Opa Müller, der an diesem Tag von seiner Laufrunde im Park kam. Mit ernstem Blick stand er im Fahrstuhl.
Da hörte er plötzlich das fremde Mädchen fragen: „Kannst du eigentlich auch lachen?“
Erstaunt drehte sich Opa Müller um. „Seit meinem vierzehnten Geburtstag habe ich nicht mehr gelacht“, brummte er.
„So lange?“, staunte das Mädchen. „Warum?“
„Lachen“, erwiderte Opa Müller, „bringt nur Ärger. Keinen Pfifferling ist es wert. Das lernt man schon im Kindergarten.“
Als Opa Müller am Abend mit Oma Müller den Fahrstuhl betrat, traf er das fremde Mächen wieder.
„Hallo!“, sagte es mit einem strahlenden Lächeln.
„Hallo!“, nuschelte Opa Müller verlegen.
Stumm fuhren sie aufwärts. Doch weil das Mädchen unentwegt lächelte, konnte sich Opa Müller ein Grinsen nicht verkneifen.
Oma Müller erschrak sehr. „Hör auf!“, fuhr sie ihn an. „Wir haben nichts zu verschenken.“
Opa Müller zuckte zusammen und machte ein ernstes Gesicht. Doch das Lächeln im Fahrstuhl konnte er nicht vergessen. Und als er dem Mädchen am nächsten Morgen wieder begegnete, freute er sich, es wieder zu treffen. Ein kleines Bisschen lächelte er.
„Du kannst ja doch lachen“, rief da das Mädchen und es strahlte über das ganze Gesicht.
Das freute Opa Müller so sehr, dass es ihm warm über den Rücken kribbelte. Er lächelte verzückt, denn so ein angenehmes Gefühl hatte er lange nicht mehr verspürt. Es fühlte sich so schön an, dass er fortwährend lächelte: auf dem Weg ins Städtchen, im Bus, in der Bibliothek, beim Bäcker. Er lächelte so lieb, dass die Leute nicht anders konnten als zurück zu lächeln. Und weil auch sie plötzlich so ein kribbelschönes Gefühl dabei verspürten, konnten sie ebenfalls mit dem Lächeln nicht mehr aufhören.
An diesem Tag kam Opa Müller fröhlich nach Hause. Er freute sich darauf, das Mädchen wieder zu sehen. Als er aber mit einem Lächeln die Fahrstuhltür aufriss, traf er nur einige Hausbewohner, die zögernd zurück lächelten. Das Mädchen war nicht da.
Viele Tage suchte er Opa Müller das fremde kleine Mädchen, doch er sah es nie wieder. Nur das kribbelschöne Gefühl war geblieben.
Und das Mädchen? Nun, wenn du es einmal im Fahrstuhl treffen solltest, dann weißt du Bescheid.

© Elke Bräunling

SonnehinterWolken