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Tante Mathilde und die Hagebuttenmarmelade

Sag mal Oma, kennst du jemanden, der hundert Jahre alt geworden ist?“, fragte Denise ihre Oma.
„Ja, meine Tante Mathilde ist so alt geworden. Sie war sogar 102!“
„Echt wahr? So alt?“ Denise starrte ihre Großmutter mit offenem Mund an. „Boah!“
Sie überlegte einen Moment. „Wie war die so, diese Tante Mathilde?“
„Cool!“, antwortete Oma. Nichts weiter, als ob dieses Wort bereits alles erklärte.
„Cool? Wie cool?“, fragte Denise.
„Tante Mathilde war eine tolle Frau, ich habe sie immer bewundert. Sie hatte Kampfgeist und konnte arbeiten wie ein Pferd!“, erinnerte sich Oma.
„Wie ein Pferd?“ Denise liebte Pferde, aber die arbeiteten doch nicht. Den ganzen Tag standen sie auf der Weide oder im Stall und fraßen. Sonst nichts.
„Konnte sie denn reiten?“, fragte sie.
„Das auch und zwar wie der Teufel. Am Ende des Krieges ist sie ganz alleine von Ostpreußen durch den eisigen Winter in den Westen geritten. Und da war sie schon nicht mehr die Jüngste. Ha! Das mach mal einer nach!“
Oma kicherte. „Vorher aber hat sie mit einem Pickel im Garten die tief gefrorene Erde aufgeklopft und darin drei Holzkisten mit Silber, Porzellan und anderen Familienschätzen vergraben. Und mit fünf Gläsern Hagebuttenmarmelade und einer Flasche Danziger Goldwasser. Man stelle sich das vor!“
Oma hustete nun, so sehr musste sie lachen.
„Oma, du willst mir doch wohl keinen Bären aufbinden?“, fragte Denise, die sich gar nicht vorstellen konnte, dass Tante Mathilde wirklich einen Schatz vergraben hatte und dann auch noch Hagebuttenmarmelade! Igitt!
„Sie war halt ein wenig verrückt. Über die Marmelade lacht man in der Familie noch heute. Eine Kräuterfrau aus dem Dorf soll sie eingekocht haben und es soll eine ganz besondere, ein bisschen verzauberte und dazu auch die beste Marmelade auf der Welt gewesen sein. Sagte Tante Mathilde.“
„Oma, wenn du 100 wirst, vergräbst du dann auch Marmelade?“, wollte Denise wissen.
„Aber nein, ich vergrabe beizeiten einen anderen Schatz für dich. Wer weiß, ob ich das in dem Alter noch schaffen werde!“
Oma schmunzelte. Ein wenig Zeit hatte sie ja noch, das hoffte sie jedenfalls und falls sie doch noch das Rezept für die Hagebuttenmarmelade finden sollte, würde sie die auch mal kochen und heimlich ein paar Gläser vergraben. Schließlich war es eine Zaubermarmelade.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl