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Das Bild vom „alten“ Mann

Es war ein ungewohnt milder Spätherbsttag und Friedrich machte Mittagspause. Er saß im verwaisten Cafégarten in einer geschützten Ecke und hielt sein Gesicht der Sonne entgegen. Ein Stündchen, das er dem Winter stahl, um vom Sommer zu träumen.
Er war aber nicht mehr allein. Langsam pirschte sich die kleine Mila von nebenan zu ihm herüber. Nun stand sie vor ihm. Eine Weile schon hatte Friedrich das Kind unter halb geschlossenen Augen beobachtet.
„Schläfst du?“, fragte es nun mit einem schüchternen Stimmchen.
Friedrich nickte. „Ja, haaa! Ich schlafe.“
Mila kicherte. „Aber du redest ja.“
„Ich kann im Schlaf sprechen“, murmelte Friedrich. „Du auch?“
Mila schüttelte heftig den Kopf und ihre langen, braunen Haare flogen hin und her.
„Du schwindelst“, sagte sie. „Man kann nicht gleichzeitig schlafen und reden.
„Nö.“ Friedrich blinzelte. „Aber ich kannte eine Frau, die konnte gehen und schlafen. Gleichzeitig.“
„Echt jetzt?“
„Echt.“
„Und wo ist diese Frau jetzt?“
„Sie ist tot.“
„Oh!“ Das Mädchen stutzte. „Stirbst du auch bald?“
„Ich? Warum fragst du?“
„Weil … weil du so alt aussiehst. Wie Opa. Nein, älter.“
„Aber dein Opa ist doch nicht tot. Ich habe ihn gestern erst gesehen“, wunderte sich Friedrich.
„Nö. Nicht tot.“ Wieder schüttelte Mila den Kopf. „Noch nicht.“
Friedrich öffnete die Augen und blickte in ein ernstes Kindergesicht.
„Ich habe ein Geschenk für dich“, sagte Mila schnell und zog ein Bild, das sie hinter ihrem Rücken verborgen hielt, hervor. Ein Bild von einem Greis mit Stock, der vor einem Weihnachtsbaum stand.
„Oh? Bin ich das?“ Friedrich rang nach Worten. Sah er wirklich so alt aus? Und sahen Kinder in ihm einen Greis?
Mila nickte. „Schön, nicht?“
Sie machte eine kleine Pause, dann verzog sich ihr Mund zu einem pfiffigen Grinsen.
„Eigentlich“, flüsterte sie dann und deutete auf den Alten vor dem Weihnachtsbaum, „ist das Papa, aber er wollte das Bild nicht haben. Schenke es dem Friedrich!, hat er gesagt. Der ist viel älter als ich.“
„Jo“ murmelte Friedrich. „Drei Jahre, aber keine dreißig, hörst du?“
Mila aber war schon verschwunden, ein neues Bild malen.

© Elke Bräunling