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Das ‚Handy‘ der alten Martha

Heute hatte Großtante Luise ihre Feriengäste Pia und Pit zur alten Martha geschickt. Eier holen. Martha hatte nämlich die fleißigsten Hühner im Dorf.
„Hast du Eier für uns, Martha?“, fragte Pia. „Tante Luise wollte dich deswegen anrufen, doch sie kann gerade ihr Handy nicht finden.“
Martha lachte. „Das kann mir nicht passieren. Mein Telefon hängt fest an der Wand. Mit einer Schnur.“
„Hast du kein Handy?“, fragte Pit.
Martha winkte ab. „Wozu?“
„Zum Telefonieren“, sagte Pia. „Ist doch klar.“
„Und zum Surfen und Lesen und Spiele spielen“, ergänzte Pit.
Martha, die zwar alt, aber nicht altmodisch war, schob die Brille in die Stirn und blickte die Geschwister mit großen Augen an.
„Zum Surfen und Lesen und Spiele spielen?“, fragte sie. „Was für eine verrückte Welt das doch ist! Zum Lesen habe ich meine Zeitungen und meine Bücher, zum Spielen meine Karten und das Schachspiel.“ Sie grinste schelmisch. „Und zum Surfen setze ich mich an meinen Computer. Ha! Das hättet ihr nicht gedacht, dass ich einen Computer habe. Stimmt’s?“ Nun lachte sie.
Stimmt. Das hatten Pia und Pit nicht geglaubt, auch wenn die Großtante immer „Täuscht euch nicht in der alten Martha. Sie ist ein Schlitzohr“ sagte.
„Aber mit einem Computer kannst du nicht telefonieren.“ Pit war froh, dass ihm das gerade noch einfiel.
„Ich habe ja auch ein Handy. Für den Notfall“, sagte Martha. „Und das liegt mit Geldbeutel und Schlüsselbund immer in meiner Tasche. Hier im Haus brauche ich es nicht. Ich telefoniere damit … und damit auch.“ Sie deutete auf das schwarzen Telefon mit der altmodischen Wählscheibe und auf den Eierkarton, der auf der Garderobenablage neben Marthas Hüten und Mützen lag.
„Du telefonierst mit einem Eierkarton?“, prustete Pit los und Pia stellte sich vor, wie die alte Martha einen Eierkarton ans Ohr hob und „Hallo, hier spricht Martha!“ sagte.
Martha lachte. Dann schlüpfte sie in ihre Wollweste, setzte die Mütze auf, steckte ein paar Geldmünzen ein und nahm den Eierkarton. „Kommt! Wir gehen telefon…, äh, Eier kaufen.“
„Du kaufst Eier?“, fragte Pit.
„Hast du denn keine?“ Pia starrte ungläubig aus dem Fenster auf die Hühnerwiese hinaus.
Martha grinste. „Kommt mit. Psst!“
Und dann zogen Pia und Pit mit der alten Martha durchs Dorf.
„Ich brauche noch ein paar Eier“, sagte Martha unterwegs zu jedem, den sie traf. Und mit jedem plauderte sie fünf oder zehn oder zwanzig oder mehr Minuten über Gott und die Welt. Nur nicht über Eier. Als sie sich nach vielen Plaudereien endlich auf den Heimweg machten, war der Eierkarton in Marthas Hand noch immer leer. Ihre Köpfe aber waren voller Neuigkeiten aus dem Dorf, dem Wald und aus der Welt dahinter.
Sie trafen übrigens noch weitere Dorfbewohner, die einen Eierkarton mit sich trugen. Er war leer wie der von Martha …
„Der Eierkarton“, staunte Pia, „ist wirklich so etwas wie ein Handy. Cool, nicht?“

© Elke Bräunling

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NEU IM MÄRZ 2015
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