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Reden wir übers Wetter

„Als ich jung war, habe ich den Sommer geliebt“, erzählte Brigitte Schuster ihrer Tischnachbarin. „Heute bin ich froh, wenn die Temperaturen im Herbst endlich wieder in einem erträglichen Bereich liegen.“
Angelika Bauer nickte zustimmend. „Ja, das geht mir auch so. Früher konnte es mir gar nicht heiß genug sein. Stundenlang habe ich in der Sonne gelegen und es hat mir nichts ausgemacht.“
„Ich habe nie in der Sonne wie ein Brathähnchen gebrutzelt. Das ist unvernünftig“, mischte sich Antonia Wirsch ein. „Wie kann man so töricht sein?“
Die beiden Damen stöhnten. Antonia Wirsch begann fast jeden Satz mit den Worten „Ich habe noch nie“ und endete mit den Worten ‚unvernünftig‘ und ‚töricht‘. Sie mischte sich auch gerne ungefragt ein. Dabei legte schon keiner mehr Wert auf ihre Meinung.
„Ja, ja, wahrscheinlich haben Sie auch noch niemals einen eisgekühlten Sekt aus einem Pappbecher in einem knallroten Gummiboot genossen! Das wäre schließlich unvernünftig und töricht!“, frotzelte Brigitte Schuster und rollte mit den Augen.
„Wie kommen Sie darauf?“, fragte die Angesprochene wirsch. „Und woher wissen Sie das?“
Sie wandte sich ab und fuhr dann mit belegter Stimme fort: „Wie nachtragend die Welt doch ist! Wenn man einmal etwas Unüberlegtes tut, hängt es einem ein Leben lang nach. Falsch. Mir hängt es nach. Nicht ihm. Klar, er war ja auch der Bürgermeister.“
Bestürzt sahen sich die beiden anderen Frauen an. Da hatte Brigitte scheinbar unwissentlich ins Schwarze getroffen.
„Entschuldigung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten! Das war wohl ein Zufall!“, entschuldigte sie sich bei Antonia.
Die wehrte ab. „Schon gut. Das konnten Sie ja nicht wissen. Außerdem war das Boot blau gewesen.“
„Hm. Nun ja.“ Verlegen sahen sich Brigitte und Angelika an. Was sollte man darauf antworten. Jedes Wort konnte das Falsche sein, besonders bei einer Frau wie Antonia, die scheinbar tief verletzt war. Am besten, man wechselte das Thema, sprach über etwas Unverfängliches. Am besten über das Wetter.
„Als ich noch jung war, habe ich den Sommer geliebt“, sagte Brigitte daher schnell, weil ihr auf die Schnelle nichts Besseres einfiel. „Heute bin ich froh, dass der Herbst endlich eine Abkühlung bringt.“
Angelika nickte eifrig und weil sie auch keine schlauere Smalltalkidee hatte, ergänzte schnell:
„Ja, das geht mir auch so. Früher, ja, früher hat mir die Sonne überhaupt nichts …“
Sie brach ab, weil Antonia Wirsch auf einmal laut und herzhaft lachte, und das, das war nun wirklich etwas Neues.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl